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Geopolitik

Im Interview: Manuel Ochsenreiter zum Konflikt in Bergkarabach

„Die Gefahr ist real, daß mit einem Sieg Aserbaidschans und der Türkei die Region sich in eine Art anarchistisches „Kalifat“ mit permanenten inneren Konflikten verwandeln könnte“

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Kontaktlinie zwischen Bergkarabach und Aserbaidschan

Guten Tag, Herr Ochsenreiter! Sie gelten als renommierter Experte auf dem Gebiet der Geopolitik und sind international gern gesehener Gast in ausländischen Nachrichtensendungen. Könnten Sie unserem Publikum erklären, was es mit dem bewaffneten Konflikt im Südkaukasus auf sich hat?

 

A: Es handelt sich um einen seit langem bestehenden Nationalitätenkonflikt in der Region. Auf der einen Seite stehen die Armenier, auf der anderen Aserbaidschan. Die Region Bergkarabach ist historisch armenisches Gebiet und von Armeniern besiedelt, wurde aber unter Josef Stalin Anfang der 1920er als „autonomes Gebiet“ der Aserbaidschanischen SSR zugeschlagen wurden und nicht der Armenischen SSR. Stalin war damals „Kommissar der Nationalitäten“ in der noch jungen Sowjetunion. Damit war der Samen für die späteren Konflikte bereits gelegt. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Gründung der unabhängigen Staaten Georgien, Armenien und Aserbaidschan im Südkaukasus entflammte auch wieder der Streit um Bergkarabach. Um genau zu sein: Bereits Ende der 1980er Jahre, als sich mit Gorbatschow das Ende bereits langsam abzeichnete und in Osteuropa die Warschauer-Pakt-Staaten sich immer mehr von Moskau unabhängig machten, begannen auch innerhalb der Sowjetunion bereits solche Auflösungserscheinungen, zum Beispiel im Baltikum, das heute zur EU gehört. Im Südkaukasus führte die Nationalitätenkrise 1992 zum Bergkarabach-Krieg, der 1994 mit einem Waffenstillstand zwischen den damals siegreichen Armenien und dem geschlagenen Aserbaidschan endete – und mit der armenischen Republik Bergkarabach, die allerdings in der Folgezeit keine internationale Anerkennung fand. Seitdem ist der Konflikt sozusagen „eingefroren“. Es kam bisher immer wieder zu Provokationen an der Grenze Bergkarabachs, auch zu begrenzten Militäroperationen vor allem Aserbaidschans.

Dabei ist es eben nicht nur ein „Regionalkonflikt“, da die Region sozusagen ein Brennpunkt geopolitischer Interessen ist. Die Türkei ist ein wichtiger Verbündeter Aserbaidschans, die Aserbaidschaner werden von Ankara als Brudervolk betrachtet. Armenien wiederum ist ein wichtiger Verbündeter Russlands, beide sind im CSTO-Verteidigungsbündnis, eine russische Militärbasis befindet sich ebenfalls in Armenien. Die Islamische Republik Iran grenzt im Süden an den Südkaukasus, ist vor allem an Stabilität interessiert und pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zu Armenien, während Aserbaidschan eng mit Israel zusammenarbeitet und für Israel ein wichtiger Erdöl-Lieferant ist. Auch die USA sind in der Region aktiv, sie wollen die Länder des Südkaukasus näher an den Westen führen. Und selbst China hat die Region im Blick. Eine Destabilisierung könnte das ambitionierte Projekt der „Neuen Seidenstraße“ Pekings empfindlich stören. Natürlich versucht auch die EU, im pro-westlichen Sinn Einfluß zu nehmen. Hier erkennt man leicht die explosive Gemengelage in der Region.

 

Warum passiert es gerade jetzt?

 

A: Es kam in der Vergangenheit immer wieder zu Grenzkämpfen und größeren und kleineren Provokationen. Aserbaidschan will die Kontrolle über Bergkarabach zurückgewinnen, die Regierung in Baku hat das immer wieder versprochen. Es steht sozusagen auf der Agenda Aserbaidschans ganz oben. Gleichzeitig verschiebt sich in den Augen Bakus das militärische Kräfteverhältnis immer weiter zugunsten Aserbaidschans, das reich an Bodenschätzen ist und von Russland und Israel moderne Militärtechnik einkaufen kann. Gleichzeitig haben Armenien und Bergkarabach kaum Bodenschätze, die wirtschaftliche Lag ist schlecht und die politische Lage in Jerewan wird als chaotisch wahrgenommen. Vor allem der Corona-Lockdown hat sich nochmal verschärfend auf die wirtschaftliche schlechte Lage Armeniens ausgewirkt. Gleichzeitig fand genau in den Tagen vor dem 27. September – dem Tag des Angriffs Aserbaidschans auf Bergkarabach – eine türkisch-aserbaidschanische Militärübung in Aserbaidschan statt. Es befanden sich also türkische Militärtechnik und Soldaten bereits im Land und konnten den Angriff unterstützen. Diese Gemengelage aus generell als „günstig“ empfundener Lage und der Anwesenheit des „großen Bruders“ könnte den Zeitpunkt des Angriffs bestimmt haben.

 

Welche Länder haben ein Interesse an der Eskalation und welche sind im Hintergrund unterstützend tätig?

 

A: Darüber ließe sich wahrscheinlich ein umfangreiches Buch schreiben, wenn es um diese Region geht. Aber kurz gesagt: Von den beiden beteiligten Ländern ist Armenien der Verteidiger, Aserbaidschan der Angreifer. Armenien hat ein Interesse daran, daß die „Republik Arzach“ – so nennt sich heute Bergkarabach – bestehen bleibt und internationale Anerkennung bekommt. Aserbaidschan will die Region wieder unter seine Kontrolle bekommen, auch militärisch. Von den Regional- und Großmächten haben Russland und der Iran ein Interesse an Deeskalation und Stabilität, während die Türkei immer wieder an der Eskalationsschraube zugunsten Aserbaidschans zu drehen scheint. Nicht zu unterschätzen: Die USA versuchen die Südkaukasus-Staaten immer mehr zu beeinflussen. Man kann das vor allem in Georgien, aber auch in Armenien beobachten. Der Einfluß der USA zielt dabei vor allem auf eine Destabilisierung ab auf „Regime Change“-Aktivitäten, wie sie beispielsweise in Georgien im Jahr 2003.

Glauben Sie, dass die Türkei in diesen Konflikt proaktiv eingreifen wird?

 

A: Wahrscheinlich ist genau das bereits geschehen. Es könnte sogar sein, daß der Angriff Aserbaidschans auf türkische Initiative stattgefunden hat. Als sicher gilt aber: Für eine Rückkehr zum mehr oder minder stabilen Status Quo braucht es auch die Türkei – ob man das gut findet oder nicht.

 

Gerade im Internet zeigt sich Armenien selbstbewusst und dezidiert christlich. Beispielsweise wurde in den letzten Tagen ein Priester mit Schnellfeuerwaffe und die bewaffnete Frau des Premiers, einige Tage später, auf Twitter veröffentlicht. Dienen diese Bilder der Ermutigung des eigenen Volkes oder sind sie wahrhaft Zeugnis für ein wehrhaftes Christentum, was sich in dieser Region behaupten muss?

 

A: Die nationale Identität der Armenier ist eng mit der christlichen Religion verbunden. Der Ausdruck dieser Wehrhaftigkeit hat aber nicht zuletzt auch mit der Geschichte des Völkermords durch die Türken zu tun. Der Sieg von 1994 über Aserbaidschan und die Gründung der unabhängigen Republik Bergkarabach gab den Armeniern wieder viel Selbstbewußtsein zurück. Man darf auch nicht vergessen: Armenien ist stolz darauf, der „erste christliche Staat“ zu sein. Im Jahr 301 habe König Trdat III. das Christentum zur Staatsreligion erhoben. Dieses Geschichtsbewußtsein spielt dort für die eigene Identität eine entscheidende Rolle – gerade auch für den von Ihnen erwähnten Selbstbehauptungswillen.

Geopolitisch aber spielt dies wiederrum nur eine untergeordnete Rolle, wie man leicht an den Beziehungen erkennen kann: Die islamische Türkei pflegt gute Beziehungen zum christlichen Georgien, während der islamische Iran bessere Beziehungen zum christlichen Armenien als zum islamischen Aserbaidschan unterhält. Den Konflikt auf die Religion reduzieren zu wollen, wie es leider oft geschieht, kann daher niemanden weiterbringen. Für die Türkei und Aserbaidschan scheint auch weniger der Islam (dazu ist die Türkei mehrheitlich sunnitisch und Aserbaidschan schiitisch) die Grundlage zu sein, sondern der Turanismus. Oder Panturkismus, also der ethnische Bezugspunkt.

 

Welche Rolle spielt Bergkarabach für Armenien?

 

A: Für Armenien ist Bergkarabach nicht nur irgendeine Art „Grenzregion“, es ist sozusagen ein „Kern“ des armenischen Selbstverständnisses. Man kann Bergkarabach vielleicht mit dem Kosovo und seiner Bedeutung für die Serben vergleichen – mit dem Unterschied, daß es in Bergkarabach stets eine stabile armenische Bevölkerungsmehrheit gab. Einige Armenier gehen so weit zu sagen, daß wenn Bergkarabach endgültig verloren gehen würde, auch Armenien selbst nicht mehr existieren werde. Das mag zunächst pathetisch klingen, aber unwahrscheinlich ist eine solche Perspektive nicht.

Könnte es als Pulverfass für die gesamte Region dienen, wenn Aserbaidschan aus dem Konflikt siegreich hervorgehen würde?

 

A: Die Region ist ja bereits ein Pulverfass. Aserbaidschan nutzt für seine Angriffe nicht nur reguläre Truppen, sondern vor allem auch Freischärler, Islamisten und Terroristen aus der ganzen islamischen Welt. Derzeit kämpfen beispielsweise Islamisten für Aserbaidschan, die mit türkischer Hilfe aus Syrien und Libyen an die Front transportiert wurden. Auch islamistische Tschetschenen und Kämpfer aus Dagestan sollen dort sein, und natürlich kämpfen auch extremistische Türken wie beispielsweise die „Grauen Wölfe“ auf der Seite Aserbaidschans. Die Gefahr ist real, daß mit einem Sieg Aserbaidschans und der Türkei die Region sich in eine Art anarchistisches „Kalifat“ mit permanenten inneren Konflikten verwandeln könnte, das alle Anrainerstaaten involviert. An solchen Entwicklungen haben bislang eigentlich immer nur die USA ein Interesse, wie man sehr gut am Beispiel des sogenannten „Arabischen Frühlings“ beobachten kann.

 

 

Wie sieht Ihre derzeitige Einschätzung aus? Wie wird sich der Konflikt entwickeln?

 

A: Schwer zu sagen. Eine Rückkehr zum Status Quo klingt für fast alle direkt beteiligten Parteien wahrscheinlich eher unbefriedigend. Baku will Bergkarabach wieder unter voller Kontrolle, Armenien will die internationale Anerkennung. Hier stehen zwei fundamentale Prinzipien des internationalen Rechts im Konflikt: Einerseits die territoriale Integrität Aserbaidschans, andererseits das Selbstbestimmungsrecht der Völker (im Sinne der Armenier Bergkarabachs, die von Aserbaidschan unabhängig sein wollen). Dieser Konflikt besteht aber nicht nur in Bezug auf diese Region. Wir können ähnliche Konflikte weltweit beobachten, gerade in den letzten Jahrzehnten. Wir haben die Volksrepubliken Donezk und Lugansk im Donbass, die von der Ukraine unabhängig sein wollen, das Krim-Referendum vom März 2014, die beiden Republiken Abchasien und Süd-Ossetien, die sich von Georgien lossagten. Dort überall rivalisieren diese beiden Prinzipien und bedürfen einer Lösung. Und man muß eines feststellen: Der Westen und vor allem die USA haben bislang nichts dazu beigetragen, sondern sich immer wieder als destabilisierend erwiesen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Manuel Ochsenreiter, 44, ist Chefredakteur des Deutschen Nachrichtenmagazins ZUERST!. Dort berichtet er regelmäßig aus Krisengebieten und geopolitischen Hotspots (Donbass, Kosovo, Syrien, Kaukasus). Außerdem machen Manuel Ochsenreiter und sein polnischer Kollege Mateusz Piskorski seit 2019 den geopolitischen Podcast „Die Guten Menschen – Public Enemies of the Deep State“ .

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