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Wenn Menschen nicht mehr leben wollen

Suizidalität – Eine systemische Analyse

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Der Tod eines psychischen Systems. Die völlige und endgültige Auflösung einer System-Umwelt-Differenz – die vollständige Entdifferenzierung. Bei biologischen Systemen ist es die Regel: Jeden Tag werden welche – auch verursacht durch innere Vorgänge wie etwa Tumore – krank und sterben. Auch bei sozialen Systemen ist dies nichts Ungewöhnliches: Interaktionssysteme lösen sich jeden Tag auf (wenn etwa ein Gespräch ein Ende findet), häufig auch Organisationssysteme (Auflösung einer Partei, Pleite eines Unternehmens etc.). Selbst für Funktionssysteme der Gesellschaft – wie z. B. die Religion, das Recht oder die Politik – besteht nicht per se eine Ewigkeitsgarantie.

Der Tod psychischer Systeme ist häufig die Folge des Sterbens biologischer Systeme und manchmal auch eine Folge der Auflösung sozialer Systeme (man denke etwa an Bürgerkriege in sog. „failed states“). Manchmal jedoch setzt sich ein psychisches System auch selbst ein Ende – wir nennen es dann „Selbstmord“. Doch wieso tut es das? Es folgt der Versuch einer systemtheoretisch inspirierten Erklärung.

Leitunterscheidungen und Leidunterscheidungen

Identitätsbildend für ein System, sei es sozial oder psychisch, ist seine Leitunterscheidung. Die Leitdifferenz ist der Code, der seine Umweltbeobachtung prägt und determiniert, welche Gesichtspunkte der beobachteten (Um-)Welt Sinn verleihen und somit auch Sinn stiften für das System selbst. Ein konkreteres Beispiel aus der Welt sozialer Systeme: Das politische System beobachtet seine Umwelt grundsätzlich in Bezug darauf, was für die eigene Machterhaltung förderlich ist und was nicht (Macht / Ohnmacht als Leitdifferenz). Für die Wirtschaft gilt dies analog mit der Leitunterscheidung von Gewinn / Verlust, für die Wissenschaft mit dem Code Wahrheit / Unwahrheit usw. usf.

All diese binären Codes sind identitätsstiftend für die besagten Systeme, die dadurch auch wissen, bis wohin sie reichen, was zu ihnen gehört und was nicht. Der Code schafft die Grenze zwischen System und Umwelt. Auf der Ebene der Organisations- und der Interaktionssysteme gestaltet sich dieses Phänomen mitunter vielfältiger und heterogener – Organisationen lassen sich, etwa über unterschiedliche Abteilungen, oft mehreren Funktionssystemen zuordnen; ähnlich ist es bei Interaktionssystemen, wenn man etwa an Sitzungen von Vorständen mit verschiedenen Geschäftsbereichen denkt. Dennoch: System-Umwelt-Grenzen und identitätsstiftende Leitunterscheidungen gibt es auch hier.

Gleiches gilt für psychische Systeme, wenn auch natürlich in noch komplexerer Form, wenn man an die (post-)moderne Diversität sozialer Rollen denkt, mit denen wir tagtäglich klarkommen müssen. Nichtsdestotrotz verfügen auch psychische Systeme über Leitdifferenzen, die ihrem Leben einen Sinn verleihen und ihre Umweltbeobachtungen determinieren. Auf dieser Mikro-Ebene können beispielsweise Werte diese Funktion einnehmen – je nachdem, welchen wir folgen. Das persönliche Moralempfinden, Liebe, berufliche Ziele, Ängste verschiedenster Art – sie alle bedeuten Leitdifferenzen, die unser Leben und unsere Selbstbeschreibung als psychische Systeme prägen und konstruieren. Und dabei manchmal durch Leiddifferenzen ersetzt werden.

Mentale Endlosschleifen und das Fehlen von Sinn

Psychische Erkrankungen wie Depressionen oder auch Zwangsstörungen sind systemtheoretisch fassbar als fehlende Geschlossenheit des jeweiligen psychischen Systems, welche durch das Fehlen eines stabilen Leitcodes zustande kommt. Das daraus resultierende Fehlen einer „Letztinstanz“ zur Beurteilung systeminterner Operationen – sprich: Gedanken, Gefühle, Erinnerungen etc. – führt dazu, dass diese nicht oder nur schwer durch eine systeminterne Entscheidung zum Abschluss gebracht werden können. Konsequenz: Die internen Systemoperationen geraten in eine Endlosschleife. Konkret äußert sich dies dann etwa in endlosen, grüblerischen Teufelskreisen, ungesunden Dauerreflexionen, depressiven Tiefs („Löcher“), lähmender Lethargie oder auch in Zwangshandlungen mit immer und immer wiederkehrenden Wiederholungen, die aufgrund des Fehlens der Letztentscheidung nicht zum Abschluss gebracht werden können, da sich das System selber nicht mehr traut und somit immer wieder „sicher gehen“ muss, ohne abschließende Entscheidung.

Noch gravierender wird es dann, wenn die gestörte Codierung sich zu einem dauerhaften Mangel an Leitdifferenzen auswächst. Hier fehlt dann nicht nur die Letztentscheidungskapazität, die dafür sorgt, dass systeminterne Operationen zum nötigen Abschluss gebracht werden, sondern es fehlt gar das sinnstiftende Element für die Umweltbeobachtung. Ein gravierender Einschnitt: Die Umwelt kann nicht mehr in Bezug auf bestimmte Blickpunkte betrachtet werden, sondern sie wird einfach nur noch so betrachtet – ohne Kriterien, ohne Prioritäten. Es überrascht nicht, dass auf diese Weise keine Zurechnung von Sinn, von Bedeutung mehr erfolgen kann, was wiederum alles in der Umwelt beobachtete für das betreffenden psychische System – im buchstäblichen Sinne des Wortes – „gleich-gültig“ und somit egal macht. Wo nicht via Code gewichtet wird, ist alles gleich viel wert, alles gleich wichtig oder eben alles gleich unwichtig. Der völlige Fatalismus – ein typisches Merkmal etwa der Depression – tritt ein, der die Umweltbeobachtung unprofitabel und daher sinnlos macht.

Konsequenz: Die Umweltbeobachtung wird massiv verringert oder gar eingestellt. Doch ein System, sozial oder psychisch, welches aufhört seine Umwelt zu beobachten, ist nicht mehr irritierbar – und somit auch nicht mehr imstande, sich an seine Umwelt anzupassen oder in ihr zu operieren. An diesem Punkt treten, konkreter gesprochen, dann Stationen wie Jobverlust, Beziehungsende etc. ein, die ihrerseits den Teufelskreis verfestigen und die Negativentwicklung verstärken können.

Der Verlust der Identität

Mit der Umweltbeobachtung fällt jegliches übriges identitätsstiftendes Element weg. Wer und was wir sind, wissen wir, indem wir erfahren, wer und was wir nicht sind. Erst dies ermöglicht uns die Unterscheidung zwischen uns selbst und den anderen, erst das schafft die System-Umwelt-Grenze. Beobachte ich nicht mehr, unterscheide ich nicht mehr zwischen mir und den anderen. Die Differenz endet und somit übrigens auch jede Option, sich als Individuum in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen – auch diese generiert sich immer nur in dem (vermeintlichen) Wissen darüber, was an einem anders ist als an anderen. Dieses kann es aber nur geben, wenn „das Andere“ bewusst beobachtet und wahrgenommen wird.

Mit dem Ende der Umweltbeobachtung und dem entweder schon zuvor oder aber spätestens jetzt eintretenden Auflösen der systemischen Leitdifferenzen entfällt schließlich jedes letzte, übrige sinn- und identitätsstiftende Element für das System. Dies schafft die gravierende Sinnkrise, die – da der Prozess nun soweit fortgeschritten ist – nicht mehr auflösbar ist. Am Ende der Krise steht, sofern die Entwicklung nicht von der sozialen Umwelt erkannt und gestoppt wird, die Selbstabschaltung des Systems, das sich aufgrund der sich auflösenden System-Umwelt-Grenze (s. o.) schon gar nicht mehr als solches begreifen kann.

Ein finaler Akt und ein letztes Ausrufungszeichen

Der dies verwirklichende Suizid mag in diesem Falle dann einen letzten, finalen Akt der sinn- und identitätsstiftenden Kommunikation darstellen: Was gibt es authentischeres als dem eigenen Leben absichtlich und in vollem Bewusstsein ein Ende zu setzen? In welchem Moment ist das System mehr es selber als in dieser fundamentalsten aller möglichen Entscheidungen? In einem letzten Zuge wird also doch nochmal entschieden, da wird doch nochmal Identität gesucht und kommuniziert, da wird doch nochmal die vergangene Individualität, also das Anders-Sein als der Rest, mit einem flammenden Ausrufungszeichen versehen, um ein letztes Mal die Grenze zwischen sich und der verbleibenden Umwelt zu ziehen, bevor man sie endgültig aufgibt. Diese Funktion erfüllt dann oftmals der Abschiedsbrief, in dem Gründe erläutert und Botschaften für die Nachwelt hinterlassen werden, die deutlich machen sollen: „Meine Identität, mein Sinn, meine Leitdifferenz, meine System-Umwelt-Grenze – all das mag sich aufgelöst haben. Aber es war mal anders. Und nun sollt ihr sie noch ein letztes Mal wahrnehmen, bevor sie endgültig verschwindet.“

Florian Sander ist Mitglied der Landesprogrammkommission sowie des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW. Er hatte eine Dozentur an einer Fachhochschule inne, lehrte dort Soziologie, Sozialpsychologie und Politikwissenschaft und ist aktuell Doktorand an der Universität Bielefeld. Er schrieb u. a. für 'Le Bohémien', 'Rubikon' und 'Linke Zeitung', ist inzwischen Autor für 'Arcadi', die 'Sezession', den 'Jungeuropa'-Blog, 'Glauben und Wirken' und 'Wir selbst' und betreibt auf http://konservative-revolution.blogspot.com seinen eigenen Blog.

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