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Leben

Weiblicher Protest: Hysterie als kulturelles Phänomen gelesen

Freud würde weiblichen Protest heutzutage wahrscheinlich als Geisteskrankheit bezeichnen

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„Werd nicht hysterisch!“ – das sagen wir heute zu jemandem, der einen Moment verrücktspielt. Hysterie als Begriff kommt in unserem heutigen Sprachgebrauch kaum noch vor. Das war im 19. Jahrhundert anders. Die Hysterie galt damals als ernstzunehmende Krankheit. Darauf, dass sie vor allem als Frauenkrankheit galt, weist ihr etymologischer Ursprung hin: hystéra bedeutet aus dem Griechischen übersetzt ‚Gebärmutter‘.Die Hysterie hat ihre Wurzeln in der Antike, hatte aber im 19. Jahrhundert Konjunktur. Der österreichische Arzt Josef Breuer und Sigmund Freud veröffentlichten 1895 beispielsweise ihre Studien über Hysterie, in denen „Beobachtungen“, also Krankheitsfälle geschildert wurden. Freud verknüpfte die Hysterie mit dem Trauma. Die Hysterikerin, so seine These, wiederholt im hysterischen Fall eine traumatische Urszene aus ihrem Leben.

Ohnmacht, Wut, Schauspiel: die Symptome der Hysterie

Heute wäre es undenkbar, eine medizinische Abhandlung über Hysterie zu schreiben. Denn heute gibt es keine Krankheit mehr mit diesem Namen. Das Beispiel Hysterie zeigt also, dass auch Begriffe und Krankheiten eine Geschichte haben, also im zeitgenössischen Diskurs eine unterschiedliche Bewertung erfuhren. Ziel dieses Artikels ist es, einen kurzen Überblick über die Hysterie als kulturelles Phänomen zu geben. Anders gesagt: Hysterie soll nicht medizinisch erschlossen werden, sondern über einen geistesgeschichtlichen-kulturellen Zugang. Hat die Hysterie auch eine kulturelle Bedeutung? Können wir sie im Rückblick, aber auch bis heute als gesellschaftliches Phänomen lesen? Dabei stelle ich keine genuinen Forschungen an, sondern rezipiere die Forschungen von Kulturwissenschaftlern. Buchtitel wie „Die Erfindung der Hysterie“ zeigen bereits, dass die Hysterie nicht als ein klar umrissenes Krankheitsbild handelte, sondern um einen Begriff, um einem ,unheimlichen Phänomen‘ Herr zu werden.

Was galt als Hysterie? Gibt man den Begriff in die Google-Bildersuche ein, sieht man viele zeitgenössische Zeichnungen und Fotos. Die meisten zeigen einen weiblichen, leicht bekleideten, mitunter Fixierten Körper, der sich auf einem Bett aufbäumt. Die Hysterie manifestiert sich also auch somatisch, d.h. körperlich. Die Patientin scheint auch mal bewusstlos zu sein. Um sie herum gruppieren sich männliche Ärzte – die sexuelle Komponente der Hysterie ist damit kaum zu übersehen. Die Hysterie hatte ein diffuses Krankheitsbild: Ohnmacht, Zittern, Stimmungswandel oder Lähmungen. So schrieb der zeitgenössische Arzt Binswanger 1904, Hysterikerinnen zeigten „motivlose Angstzustände“, „Zwangshandlungen“, „comödienhafte und ernsthaft gemeinte Selbstbeschädigungen oder Selbstmordversuche“.

Heutige Forschung: Hysterie als Kulturkritik

Die Hysterie ist also kein klar umrissenes Krankheitsbild mit einer eindeutigen Ursache. Sie wurde von der Forschung deshalb auch als „Mülleimer der Medizin“ bezeichnet, in den alle Symptome kommen, die nicht wirklich zu gebrauchen sind. Literaturwissenschaftlerinnen wie Franziska Schößler, Professorin für Germanistik an der Universität Trier, wiesen daraufhin, dass wir die Hysterie weniger als medizinisches Phänomen zu lesen ist, sondern als kulturelles. Der diskursive Fluchtpunkt dieser Überlegung ist Tabusierung weiblicher Sexualität, ihre Nicht-Verortung in der kulturellen Ordnung. Und hier wird es spannend, weil eben diese Perspektive in de Rückschau eine neue Bewertung der „Krankheit“ erlaubt: „Die hysterische Frau agiert in ihren theatralischen Ausbrüchen die Schwachstellen und Verbote der patriarchalen Kultur aus.“[1] Im hysterischen Anfall, schlussfolgert Schößler, bringt die Hysterikerin eben das verbotene Begehren zum Ausdruck: „Die Hysterie reagiert auf die unzähligen Tabus, die vor allem die weibliche Sexualität im bürgerlichen Zeitalter regeln, und ist Ausdruck eines massiv unterdrückten Begehrens.“ Die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen ordnet die Hysterie in einen breiteren Kontext ein. Die Hysterikerin adressiere ihre Botschaft an eine Figur „paternaler Autorität“ und erkennt das eigene Begehren nach der Existenz einer solchen Figur an, protestiert „im gleichen Atemzuge aber heftigst gegen diesen Sachverhalt“[2].

Die Hysterie findet auch literaturgeschichtlich ihren Niederschlag. In der Literatur erleiden weibliche und männliche Figuren hysterische Anfälle. Was bleibt also? Eine geistesgeschichtliche Auseinandersetzung, quasi die Lehren aus der Hysterie-Lektüre kann helfen, auch aktuelle Vorkommnisse und Reaktionen von Individuen einzuordnen. Nicht jeder Anfall von Nervosität, Zorn oder Leidenschaft kann deshalb als rein körperlich gewertet werden, sondern vielmehr als somatische Protestreaktion, deren Ursache die kulturelle Matrix ist. Die Hysterie ist damit als individuelles Aufbegehren gegen einen unausgesprochenen Sachverhalt zu lesen.

[1] Franziska Schößler: Einführung in die Gender Studies. Berlin 2008, S. 40.

[2] Elisabeth Bronfen: Das verknotete Subjekt. Hysterie in der Moderne. Berlin 1998, S. 16.

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