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Gesellschaft

Warum ich nicht zum Bund gegangen bin

Im Arcadi Heft ist ein Bericht zum Freiwilligen Wehrdienst. Hier ein gegenteiliger Bericht:

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am

Ich bin ein bekennender Waffenenthusiast. Als solcher werde ich hin und wieder gefragt, warum ich eigentlich nicht den Grundwehrdienst bei der Bundeswehr geleistet habe. Das ist eine gute Frage – denn: Ursprünglich war ich der Vorstellung zu dienen recht zugetan. Gut, das Soldatenleben birgt Gefahren, aber ich war zuversichtlich, dass diese Risiken durch andere, positive Dinge reichlich aufgewogen würden.

Mein Stimmungsumschwung geschah am Tag meiner Musterung. An jenem Tag war ich im Grunde genommen recht gut gelaunt. Er bedeutete schließlich für mich, meine mir verhasste Zeit an der von Lehrern mit grünem oder roten Parteibuch bevölkerten „Integrierten Gesamtschule“ hinter mir zu lassen und gegen etwas Anderes, Aufregenderes einzutauschen. Wohlgemut und neugierig auf das, was da kommen mochte, stieß ich beschwingt die Pforte zum Kreiswehrersatzamt auf (das heute „Karrierecenter“ heißt) und betrat es voller Zuversicht. Ich meine mich zu erinnern, sogar den River-Quay-Marsch auf den Lippen gehabt zu haben.

Aber was kam dann?

Eine Zäsur. Der Wendepunkt, an welchem meine Zustimmungswerte zur Bundeswehr von einem leichten Aufwärtstrend zu einem steilen Abwärtstrend kippten. Die erste Ernüchterung erfolgte, als ich das Wartezimmer betrat. Hier sollte ich also auf meine Zeit als Bundeswehrsoldat eingestimmt werden? Was war denn das bitteschön für ein Raum? Anders, als ich gehofft hatte, wer er nicht mit Tarnnetzen, Orden, Propagandaplakaten und Bildern erhabenen Kriegsmaterials ausgeschmückt. Sondern – mit billigen Drucken irgendwelcher Blumen und moderner „Kunst“ mit Sozialpädagogenbeigeschmack. Auch wurde mir zum Sitzen nicht stilvoll ein altes Feldbett angeboten, sondern bunte, billige Ikeamöbel von der Art, die mir schon zu Kindergartenzeiten ein ästhetischer Dorn im Auge gewesen war.

Gut, dies alles hätte ich als kleinen geschmacklichen Fehltritt wegstecken können – man kann schließlich nicht alles haben. Doch leider markierte das stilwidrige Interieur erst den Auftakt meines Unbehagens. Danach begann ich nämlich das Bundeswehrjournal zu lesen, das auf dem Ikeatisch lag. Zielgruppe: Rekruten und solche, die es werden wollen.

Während auf dem Cover noch eine formschöne Panzerhaubitze abgedruckt war, ging innen drin das Grauen los. Wer starrte mir gleich auf der ersten Seite fischäugig entgegen? Rudolf Scharping. Der damalige Oberbefehlshaber der Streitkräfte des Landes, der nur 3 Wochen in seinem Leben gedient hatte, bis er wegen Untauglichkeit wieder ausgemustert worden war. Ein Politiker, dessen Anblick die Wörter Hasenfuß, sozialpädagogisches Beta-Männchen und Mobbing-Opfer geradezu herausschreit. Ein Karpfengesichtiger, dem man mit seiner trägen und linkischen Art niemals zutrauen würde, sich selber zu verteidigen. Geschweige denn sein Land. Jemand, dem normalerweise kein Mensch mit Verstand eine scharfe Waffe in die Hand drücken, und schon gar nicht als Anführer auswählen würde. Meine Stirn bekam tiefe Runzeln. Dieses Gegenteil einer Führungspersönlichkeit sollte von nun an Herr über mein Leben und Sterben werden?

Ekel ergriff mich. Und dieser multiplizierte sich noch während der restlichen Lektüre. Dort wurden doch tatsächlich erst mal Neuerscheinungen nicht auf dem Waffenmarkt, sondern auf dem Schallplattenmarkt diskutiert. Was hat das mit Landesverteidigung zu tun? Und dann wurden auch noch zwei Musikanten im Rahmen einer Homestory vorgestellt:

Der Soldatenchor und das große Blasorchester des Kameradschaftsbundes Bad Tölz

nicht.

Statt dessen, zu meinem großen Entsetzen: Die Kelly Family und Xavier Naidoo. Jetzt imaginiere man sich mal folgende Situation: Die Besatzung eines Leopard II erhält den Auftrag, einen feindlichen Panzerzug auszuschalten. Allerdings, nachdem sie sich vorher zwei Stunden lang Naidoos christliches Gewinsel und Gebettel um Liebe und Frieden auf der Welt angehört hat. Richtig – das kann und will man sich gar nicht vorstellen. Deren Kampfmoral wäre nämlich hinüber. Die würden „du sollst nicht töten“ murmelnd die weiße Fahne hissen und sich mit Tränen in den Augen dem Feind ergeben, statt sich mit Optimismus in den Kampf zu stürzen. Oder sie würden freiwillig in den Tod gehen, Jesu Vorbild folgend.

Was, fragte ich mich, muss das für eine kampfschwache Truppe sein, die sich von sowas berieseln lässt? Da mitzumachen wäre ja Selbstmord! „Hoffentlich fällt diese Broschüre niemals dem Gegner in die Hände“, dachte ich besorgt. Jener müsste ja nicht mal Deutsch können – es würde schon reichen, sich die Bilder anzugucken. Die würden schon bei Scharpings Anblick Tränen in die Augen bekommen und sich spätestens bei der Kelly Family auf dem Boden kringeln vor Lachen.  Nach der Musik-Rubrik kamen Texte, die mir die Bundeswehr schmackhaft machen sollten. Sie handelten vor allem von Work-Life-Balance, gutem Gehalt und flexiblen Arbeitszeiten. Kein Wort von Abenteuern, Liederabenden am Lagerfeuer, flotten Märschen in der Natur, kameradschaftlichen Saufgelagen, Waffen, schmucken Uniformen und dem Einheimsen von Orden.

Am sauersten stieß mir folgender Satz auf:

„Wir wollen keine Rambo-Typen“

Wie bitte? Was denn sonst? Etwa Typen wie Scharping? Karpfen in Menschengestalt?

Was ist denn verkehrt an Rambo? Na gut, im ersten Teil „First Blood“ ist er durchgedreht und hat einen Kleinkrieg angefangen. Einer gegen alle. Aber nur, weil man ihn in seiner Ehre gekränkt hatte! Weil man ihm für seine Dienste am Vaterland keinen Dank zollte. Er war in Vietnam ein Elitesoldat gewesen, hatte sein Leben in die Waagschale geworfen, und als er in die Heimat zurückkehrte, wurde er nur noch wie ein Aussetziger behandelt, statt mit Respekt, wie es einem verdienten Veteranen gebührt.

Aha. So jemanden wollte man also nicht bei der Bundeswehr: Erstens keinen Supersoldaten, der durch seine Meisterschaft all seine Kameraden und Vorgesetzen weit überflügelt und beschämt. Und zweitens keinen Soldaten mit Ehrgefühl, den es stört, wenn man ihn wie Dreck behandelt. Man wollte Mitläufertypen. Oder, wie es die Bundeswehr euphemistisch ausdrückt: „Teamplayer“.

Dabei ist es so, dass es „Rambotypen“ in der Militärgeschichte tatsächlich gab, und diese unter normalen Umständen auch als hochdekorierte Helden geachtet und als Vorbilder gehandelt werden. Beispielsweise der US-Scharfschütze Carlos Hathcock. Bekannt für seine spektakulären Ein-Mann-Einsätze. Tagelang robbte er unter einem Tarnnetz verborgen durch den Dschungel, schaltete mit seinem Präzisionsgewehr einen vietnamesischen General aus, der gerade seine Morgengymnastik trieb, und robbte tagelang wieder zum Evakuierungspunkt zurück. Bekam dafür die Medal of Honor.

Oder nehmen wir den tödlichsten und notorischsten Soldaten aller Zeiten, gegenüber dem Rambo noch recht friedliebend und moderat erscheint: Hans-Ulrich Rudel. Ein in seinem Job beängstigend guter Kampfpilot, der mit seiner Junkers 87 eigenhändig 500 Panzer zerstörte, 2000 Einsätze flog, 30 Mal abgeschossen wurde und jedes Mal überlebte, und der, als er ein Bein verlor, sich sofort seine Ju 87 behindertengerecht umbauen ließ und noch ehe sein Beinstumpen verheilt war, weiterflog.
Ihm verlieh man als einzigen Soldaten das Ritterkreuz mit Brillanten, feierte ihn verdientermaßen als Helden. Heute würde ihm eine dickleibige Bundeswehrangestellte mit rotgefärbten Haaren und Seidentuch um den Hals erklären, dass er leider den Anforderungen der Truppe nicht entspräche.

Eben jenem rothaarigen Subjekt saß ich nämlich nun in einem hässlichen Büro gegenüber, dessen Trübseligkeit durch ein winziges Bild von Scharping an der Wand komplettiert wurde. Sie bemaß mich mit genau dem besorgten Sozialpädagogen-Blick, den ich schon von meinen Lehrer_innen an der Integrierten Gesamtschule kennen- und hassengelernt hatte. Da begriff ich, dass Bundeswehr eigentlich nur die Fortführung von Integrierter Gesamtschule mit anderen Mitteln ist, und log der Kräuterteetrinkerin vor, dass ich Pazifist sei.

Das nahm sie mir sofort ab, und ich konnte mich die nächsten 10 Monate als Zivi in einem Jugendzentrum herumschlagen. Herumschlagen im Wortsinne, denn so einige Male musste ich mich als Aufpasser mit betrunkenen jugendlichen Russen prügeln. Was soll ich sagen? Ich habe vor dem Feind gestanden. Mit dem Iwan im Gefecht. Das hätte ich bei der Bundeswehr nicht bekommen.

Ich muss eingestehen, dass die Rekrutenwerbung der Bundeswehr im Vergleich zu damals besser geworden ist. Plakate wie „Willst Du nur an einem Käfer basteln? Oder lieber an einem Leopard 2?“ sind ganz nach meinem Gusto. Ein Hoffnungsschimmer. Ein kürzlicher Besuch beim Deutschen Panzermuseum in Munster jedoch ließ meine Hoffnung wieder platzen. Draußen der Spruch an der Wand „Wer Frieden will, rüste für den Krieg“ sagte mir noch zu. Aber drinnen packte mich das Entsetzen. Wer saß da an der Rezeption? Nicht etwa ein Offizier a. D. mit gepflegtem grauen Schnurrbart und Monokel, der mich erst mal ankreischt „Nehmen sie Haltung an, Soldat! Oder sind sie ein armseliger Zivilist?“, sondern … ja, ihr habt es erraten: Eine dickliche Frau mit Seidentuch, die mir mit einem besorgt-sozialpädagogischem Blick durch ihre bunte Brille erklärte, dass der PzKpfw VI „Tiger“ leider, leider nicht mehr in der Ausstellung sei und dass es ja so schade sei und ihr ganz doll Leid tue und sie hoffe, dass ich nun nicht umsonst gekommen sei …

Na gut. Ich betrat sogleich die Ausstellung und war trotz dieses anfänglichen Dämpfers erst einmal positiv überrascht. Der Nachbau des Erstweltkriegspanzers A7V gefiel mir richtig gut! Über und über mit schmucken Tatzenkreuzen sowie dem Schriftzug „Wotan“ verziert, war er in eine originalgetreue Erstweltkriegsszenerie gesetzt. Zerfurchte, schlammige Landschaft, rostende Stahlhelme, Stacheldraht und ein stimmungsvolles Panoramabild von Krieg und Zerstörung im Hintergrund gaben dem Stahlkoloss eine würdige Kulisse.

Der Rest der Ausstellung war eher ernüchternd. Nicht nur fehlte der Tiger I. Alle anderen Panzer waren im Vergleich zum A7V einfach nur lieblos in die Hallen geschoben worden. Vor kahle gelbe und weiße Wände, die mich in ihrer Farbgebung und ihrer Tristesse gedanklich unangenehm in meine integrierte Gesamtschulzeit zurückversetzten. Hätte man die Wände nicht mit ein paar Trophäen behängen können? Versengte Panzerplatten abgeschossener Feinde z. B.? Oder mit prächtigen Gemälden verdienstvoller Soldaten? Oder zumindest mit ein paar … Tarnnetzen?

Gefallen hätte mir auch eine künstliche Geräuschkulisse aus Dieselbrummen, Kriegslärm und entfernter Marschmusik. Stattdessen: Stille. Gut, wenigstens dudelte nicht die Kelly Family, so viel Pietät hatte man dann doch. Oder man war einfach noch nicht auf die Idee gekommen.

Später, im Museumscafé, wunderte mich es auch nicht mehr, dass man nicht etwa stilgerecht auf alten Munitionskisten saß, oder auf zu Hockern umgebauten Panzergranaten, sondern auf denselben öden, belanglosen Krankenhausmöbeln wie schon damals bei der Musterung. Und dass die Bedienung weder ein aufreizendes Tank-Girl noch eine schmucke Ordonanz war, sondern erneut eine ältere, rundliche Frau mit gefärbten Haaren, passte auch ins Bild.

Wieder zu Hause angekommen, ging ich noch mal auf den Youtube-Kanal des Museums, um mir den verpassten Tiger wenigstens da noch einmal anzugucken. Zu sehen bekam ich eine Rede des Museumsdirektors, welche dieser vor ein paar Jahren anlässlich der Einweihung des Exponats hielt, welches zur Zeit meines Besuches wieder verschwunden war. Anscheinend war der Tiger I nur eine Leihgabe gewesen. Der Museumsdirektor war zwar kein ein Offizier a. D. mit grauem Schnurrbart, aber dafür wenigstens ein Mann. Wenn auch ein unrasierter mit zwei Schwänzen. Sprich: Hippie. Oder Informatiker. Und was bekam ich zu hören? Sätze wie „Wir dürfen uns von den Gefühlsaufwallungen der Anhänger dieser Maschine (des Tigers) nicht einschüchtern lassen“.

Verdammt noch mal. Ist dieser Typ denn kein Anhänger des Tigers? Ich meine, er entscheidet sich, sich beruflich mit Panzern zu beschäftigen und ihnen quasi sein Leben zu widmen. Ihm wird die Ehre zuteil, Direktor des Deutschen Panzermuseums zu werden. Und dann stellt er sich hin und sagt: Nö, neben einem der letzten 7 existierenden Tiger, dem legendärsten Kampfpanzer aller Zeiten, zu stehen, tangiert mich nur peripher und ich sehe das alles nur ganz sachlich und die Fans können mich mal.

Tut er nur so dröge? Oder ist es bei der Bundeswehr so, dass man seinen Beruf nur ausführen darf, wenn man diesen hasst?!

Für letztere These hätte ich noch weitere Indizien. Drei Small Talks mit Bundeswehrangehörigen, die ich in den letzten Jahren erlebte:

 

Der erste war ein junger Soldat, den ich fragte, welches denn seine Lieblingswaffe sei. Er sagte, er habe keine, denn Schießen sei nicht so sein Ding. Aha. Ist Soldat und Schießen ist nicht sein Ding. Er muss ja wirklich seinen Traumjob gefunden haben.

Der zweite war ein Marinefunker. Er jammerte und klagte, dass er zu wenig Sold bekäme und dass er sich nun endlich selbstständig machen wolle, so dass die Bundeswehr ihn als privaten Unternehmer beauftragen könne, was viel mehr Geld bringe.  Sehr patriotisch.

Die dritte war eine Ingenieurin und Sonar-Expertin bei der Wehrtechnischen Dienststelle. Ich fragte sie, ob die Darstellung des Sonars im Film „Das Boot“ realistisch sei und was sie von dem Film halte. Sie habe ihn nie gesehen und der interessiere sie auch nicht.
Das nenne ich mal „für die Sache brennen“.

 

Entschuldigung, aber ist das normal? Ist die Bundeswehr dazu angewiesen worden, nach außen hin ein möglichst tristes und trostloses Bild von sich zu zeichnen? Während da in Wahrheit die Gaudi abgeht? Oder ist es da wirklich so öde? Im zweiteren Fall hätte ich noch mal so viel Respekt vor den Soldaten. Zusätzlich zu Gefahr für Leib und Leben halsen die sich auch noch einen freudlosen Job auf, auf den sie nicht stolz sein dürfen.

 

Jetzt mal im Ernst. Ich empfinde diesen Zustand als zutiefst ungerecht. Wer für seine Gesellschaft seine Haut zu Markte trägt, dem muss auch die Freude der Begeisterung für seinen Beruf und alles was damit zusammenhängt, zugestanden werden. Genau so wie ein Mindestmaß an Glanz und Gloria, sprich: Gesellschaftliche Wertschätzung, wenn nicht sogar Idealisierung. Im Kriegsfall hat es ein Soldat schon schlimm genug. Hören wir auf, ihm die Suppe auch zu Friedenszeiten zu versalzen. Was in letzterem Fall passieren kann, wissen wir von Rambo.

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