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Kino & Fern

Über Tannhäuser, Cyberpunk und Übermenschen

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Nachruf auf Rutger Hauer

Blade Runner, der Film, in welchem der kürzlich verstorbene Rutger Hauer seine berühmteste Rolle spielte, war eine Wendemarke in der Geschichte der Science-Fiction. Er war der Film, der das Cyberpunk-Genre im Kino etablierte. Cyberpunk bedeutet eine hochtechnisierte, aber moralisch bankrotte Welt. High-Tech, Low-Life. Eine Welt, in der sich die Zukunftshoffnungen auf Aufklärung, Freiheit, Frieden, Wohlstand und Besiedelung des Weltalls nicht erfüllt haben, sondern im Gegenteil: die moderne Technik den Menschen korrumpiert hat, anstatt ihn emporzuheben.

Warum Wendemarke? Tatsächlich war in der Nachkriegszeit bis in die 70er Jahre das Bild, das man sich in der Science-Fiction im Allgemeinen von der Zukunft machte, ein überwiegend optimistisches.

Future Concepts: the World of Syd Mead

Future Concepts: the World of Syd Mead

Das änderte sich um das Jahr 1980. Der überwiegend positive Grundton in der Sci-Fi räumte den Platz für eine düsterere Zukunftsaussicht, was sich in dystopischen Romanen wie Neuromancer und Filmen wie Blade Runner und Terminator niederschlug.

Shadowrun, Redmomd Barrens, Touristville

Science-Fiction ist immer eine Extrapolation der Gegenwart. Und die alten, optimistischen Zukunftsvision wie Star Trek oder Perry Rhodan aus den 60er Jahren sind klar zu sehen vor dem Hintergrund der damaligen wirtschaftlichen Prosperität. Sie sind eine Fortschreibung der Erfolgsgeschichte des Westens mit seinem Wohlstand und seiner Aufklärung.

Pessimistische Science-Fiction ist ebenso eine Extrapolation der Gegenwart, nur eben insbesondere ihrer negativen Aspekte. Für Blade Runner schaute man sich vielleicht Großstädte wie Chicago, Detroit und Baltimore an und deren damals schon sichtbare Verelendung.

www.libertyheadlines.com

Blade Runner spielt in einem verkommenen Los Angeles der Zukunft mit 106 Millionen Einwohnern.

Diese Trendwende von utopischer hin zu dystopischer Science-Fiction – sie ging vielleicht mit der Erkenntnis einher, dass eine Zukunft à la „Wirtschaftswunderjahre im Weltraum“, wie in den 60ern erträumt, einfach immer unrealistischer wurde und schlicht und ergreifend nicht mehr den aktuellen Trends des Westens entsprach. Eines Westens, dessen Erschaffer – der weiße Mann – mittlerweile mittels Masseneinwanderung in fast all seine Länder weitestgehend aus dessen Zukunft ausradiert wurde. Die Zukunft des Westens ist ungewiss, aber sie ist wahrscheinlich nicht europäisch.

Thomas Cole, The Architect’s Dream, 1840

Kommen wir zur Handlung von Blade Runner. Wir sind also im dystopischen, schmutzigen, dekadenten Los Angeles der Zukunft.

Blade Runner Concept Art

Und in diese Welt bricht nun der Replikant Roy Batty alias Rutger Hauer ein. Replikanten sind künstliche, für Arbeitseinsätze gezüchtete Menschen, die nur eine Lebensspanne von vier Jahren haben. Roy Batty wurde für Kampfeinsätze im Weltraum entworfen und verfügt über überlegene Intelligenz und Körperkraft. Aber etwas läuft bei ihm nicht wie geplant; Roy entwickelt ein eigenes Bewusstsein und eigenen Überlebenswillen und sucht nun auf eigene Faust seinen Schöpfer (einen Bio-Techniker) auf der Erde auf, um ihn dazu zu zwingen, sein Leben zu verlängern. Dies scheitert, Roy nimmt blutige Rache und muss nach allerlei Action-Szenen und nachdem er seinem Gegenspieler und Protagonisten Rick Deckard (Harrison Ford) in einer überraschenden Geste der Milde das Leben rettet, sterben – weil seine vierjährige Lebensuhr gerade in diesem Moment abläuft. In seiner letzten Minute spricht er den Monolog, der in die Filmgeschichte einging:

„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser-Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen. Zeit zu sterben.“

Worte von erhabener Schönheit, gesprochen in einer Welt des Abfalls. Viel schon wurde in den Charakter Roy Batty und seine „Tears in the Rain“-Szene hineininterpretiert. Für mich allerdings ist Roy Batty vor allem eines: ein Symbol für den weißen Mann. Roy ist eine Reminiszenz an die alte, optimistische Zukunft, wie man sie uns früher einmal verheißen hatte. Ein Übermensch, der von den Sternen hinabgestiegen ist um Rache zu nehmen dafür, dass ihm und seinen Leuten die Zukunft verwehrt wurde.

Und klingen seine Worte nicht stark nach unseren alten, westlichen Zukunftsträumen? C-Strahlen, die glitzernd die Nacht über dem Tannhäuser-Tor erhellen … brennende Kampfschiffe weit draußen vor der Schulter des Orion … ?

Das klingt nicht nach der dystopischen, überbevölkerten Bladerunner-Zukunft, sondern nach der Zukunft, wie sie eigentlich hätte sein sollen. Nach Abenteuern und Aufbruch in den Weltraum. Nach Großem.

ERA 7S – Space Battle


Und warum spricht Rutger eigentlich ausgerechnet vom Tannhäuser-Tor?

Niemand weiß, warum er Tannhäuser in seinen Monolog schrieb (ja, er schrieb ihn selber). Tannhäuser, jene Wagner-Oper, die so eindringlich den Konflikt zwischen dem Streben nach Höherem (apollinisches Prinzip) und dem Lustprinzip (dionysisches Prinzip) beschreibt. Tannhäuser passt einfach richtig gut in die Tears-in-the-Rain-Szene – denn es ist das apollinische Prinzip, für das Roy Batty steht und welches alle optimistischen Zukunftsvision konstituiert. Das dionysische Prinzip, (primitivste Lustbefriedigung, Dekandenz, Laissez-faire) hingegen ist es, welches die Welt von Blade Runner beherrscht … und ruiniert. Parallel dazu ist es in der Wagner-Oper das Anheimfallen an das dionysische Prinzip, welches das Leben des Minnesängers Tannhäuser zugrunde richtet (er verweilt zu lange bei der Liebesgöttin Venus und stirbt an den negativen Konsequenzen, die das auf sein soziales Leben hat).

Auch ähneln sich die Todesszenen von Roy Batty und Tannhäuser stark. Beide sterben einsam, in Anwesenheit von nur einer Person. Beide brechen langsam in sich zusammen, ohne Krankheit, ohne äußere Verletzung, sondern weil ihre „Zeit zu sterben“ gekommen ist. Und beide monologisieren in ihrer letzten Minute, rufen ein letztes Mal das Erhabene und Schöne an.

Rutger Hauer war mit seinem Charakter Roy Batty auf eine Weise verbunden, die selten ist. Das wird noch dadurch verstärkt, dass beide, Roy und Rutger, im selben Jahr sterben (Blade Runner spielt im Jahr 2019). „Half of my soul became Roy Batty“, wie er vor Kurzem noch in einem Interview sagte.

 

 

Und er sagte: „Das Verrückteste ist, dass, als ich den Film machte, ich tatsächlich die Zukunft sah. Ich wusste damals nicht, was ich dort sah, aber heute weiß ich, es war die Zukunft.“ Keine unbedeutende Aussage, wenn man bedenkt, wie finster die Welt von Blade Runner ist.

Mal was anderes: Ich finde, wir, in unserem Lager, sollten neue Science-Fiction-Visionen erschaffen. Keine Dystopien. Sondern etwas, das uns ein Leitstern ist. Ein Ideal, auf das wir uns zubewegen können. Eine Renaissance Europas im Weltall, in welchem wir endlich den Schatten abstreifen können, der über uns ethnischen Europäern liegt. Eine Welt, in der wir diejenigen sind, die in gigantischen Schiffen auf glitzernden C-Beams durch das Tannhäuser-Tor fliegen.

David Hardy, Return to Earth

Rutger Hauer ist verschwunden, wie Tränen im Regen. Aber als Roy Batty, der Rächer von den Sternen, wird er in unserem kollektiven Gedächtnis weiterleben.

Die Taube ist Rutgers Seele, die aufsteigt. Hoffentlich zu so einem Ort.

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