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Bücher

Rezension: Nulluhrzug

Foto: Pixabay - Sibirien, der Ort der Handlung

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Der 1993 zuerst auf Russisch erschienene Roman ist eine Parabel auf die Sowjetunion. Der Protagonist Iwan Ardabjew, eine vom Staat in Kinderheimen aufgezogene Waise, arbeitet an der Bahnstation Nr. 9 an einer strategisch wichtigen Eisenbahnlinie, auf der täglich einmal, um 0 Uhr, ein Zug mit 100 verschlossenen und plombierten Waggons vorbeifährt. Station Nr. 9 verfügt über alle Einrichtungen, um das regelmäßige Passieren des Zuges sicherzustellen: Strecken- und Gleisarbeiter mit Wohnbaracken, Bierstube und Laden, Werkstätten, Kohle- und Kesselwasserbehälter. Was der Zug transportiert, ist streng geheim. Um das Staatsgeheimnis zu schützen, sind hier Soldaten des NKWD stationiert, die den Zug – sollte er aus irgendwelchen Gründen zum Halten kommen – mit Hilfe von bissigen Hunden vor unliebsamen Schaulustigen abschirmen. Was transportiert der Zug? Wohin fährt er? Niemand weiß es. Wer sich dafür interessiert, verschwindet oder wird verrückt. Alle Menschen der Station sind kleine Rädchen in einem großen Getriebe, ohne den Sinn ihrer Funktion zu kennen. Weshalb sind sie hier tätig? Um den Sozialismus aufzubauen? Iwan interessiert das alles nicht. Er ist zufrieden mit den Umständen, spielt Domino, trinkt Wodka, besucht die Stationshuren – so lange, bis er sich in Fira verliebt. Ihretwegen erhebt er sich gegen das System, erschießt den sie drangsalierenden NKWD-Oberst und versenkt ihn im Fluß. Aber die Station und die Strecke verfallen, die Bahnlinie hat ihre Wichtigkeit verloren, die Menschen ziehen weg, auch Fira. Nur Iwan bleibt zurück inmitten verrotteter und einstürzender Gebäude. Iwan – der Prototyp des russischen Menschen – begeht inmitten der Trümmer Selbstmord, indem er sich mit der Dynamit-Ladung in die Luft sprengt, die für die Zerstörung der Bahnbrücke über den nahen Fluß vorgesehen war. Die Bahnlinie, der Weg zum Sozialismus, ist zerstört – und ihre „Helden“ sind tot.

 Juri Buida. Nulluhrzug. 138 S., geb., t 18,–. Berlin: Aufbau Verlag, 2020.

Hagen Eichberger, Studium der Geschichte und Politikwissenschaft (M.A.), arbeitet als Medien-, Strategie- und Politikberater. Veröffentlichungen u.a. bei Die Kehre, Arcadi, DMZ und dem Webblog des Jungeuropa Verlages. Zu seinen Themenschwerpunkten gehören neben dem Bereich Sicherheits- und Militärpolitk vor allem Naturschutz und Landwirtschaft sowie das Feld "Subkulturen, Jugendszene und Querfront".

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