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Bücher

Rezension: Literarische Musterung

Müssen wir alte Klassiker neu lesen?

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Literatur? Hat das nicht was mit den verhassten gelben Büchlein aus der Schule zu tun? Ja genau, so oder so ähnlich. Was mitunter für gewaltige geistige Sprengkraft zwischen den dünnen gelben Buchdeckeln stecken kann, beweist uns Günter Scholdt in seinem neuen Werk „Literarische Musterung“. Kapitel für Kapitel werden hier altbekannte Klassiker, literarische Geheimtipps und sogar von links vereinnahmte Autoren wie Berthold Brecht auf ihr widerständiges Potential abgeklopft.

 

Aber ich hab doch gar keine Ahnung von Literatur!

 

Das ist überhaupt kein Problem! Wer sich bei unbekannten Autorennamen erst einmal orientieren möchte, schaut einfach in das angefügte Autorenregister. Dort befinden sich kurze biographische Skizzen zu den behandelten Autoren. Als profunder Kenner der Materie fasst Scholdt zudem die Handlung jedes Werkes zusammen, sodass keinerlei Vorwissen über die besprochenen Texte nötig ist. Doch wird wohl jeder mit dem einen oder anderen Stoff vertraut sein. Das Märchen über „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christan Andersen oder der legendäre gegen Windmühlen kämpfende Don Quijote sind uns allein schon durch Sprichworte gegenwärtig. Dystopische Romane wie „1984“ und „Schöne neue Welt“ haben genau wie Kafkas „Prozess“ und Jospeh Roth Einzug in den Schulunterricht gefunden.

 

Von Birnen und konservativen Weisheiten

 

Wer zu Schulzeiten noch Gedichte auswendig lernen musste oder durfte, wird sich möglicherweise an die folgenden Strophen erinnern:

 

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand,

Und kam die goldene Herbsteszeit,

Und die Birnen leuchteten weit und breit,

Da stopfte, wenn’s Mittag vom Thurme scholl,

Der von Ribbeck sich beide Taschen voll,

Und kam in Pantinen ein Junge daher,

So rief er: „Junge, wist’ ne Beer?“

Und kam ein Mädel, so rief er: „Lütt Dirn,

Kumm man röwer, ick hebb’ ne Birn.“

 

Die unterhaltsame Ballade des großzügigen Herrn von Ribbeck und seinem geizigen Sohn entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eine lehrreiche Geschichte. Mit Blick auf seinen Erben lässt sich Herr von Ribbeck eine Birne mit ins Grab legen. Der aus dem Grab sprießende Birnenbaum schenkt den örtlichen Kindern nun trotz des knausrigen Sohnes die begehrten Früchte. Das erst unscheinbare Gedicht vermittelt vorausschauendes Denken und das Bewusstsein, auch die Verantwortung für kommende Generationen zu tragen, als konservative Tugenden.

 

Fazit

 

So steckt hinter vielen bekannten Stoffen und literarischen Klassikern ein ungeheurer Wissensschatz, von dem wir auch heute noch lernen können. Platons Höhlengleichnis angewandt auf die Praxis der Massenmedien oder das Drama über Biedermanns Bandstifter, denen erst aus einer falschen Toleranz heraus möglich ist, ihre Brandstiftung zu begehen, schreien gerade danach, aus unserer Sicht gedeutet zu werden. Scholdt gelingt es wunderbar die literarischen Stoffe mit zeitgenössische Beispielen zu verbinden und so zu zeigen, warum diese heute noch lesenswert sind. Dabei werden Laien ebenso Spaß beim Lesen haben, wie Literaturstudenten, die sich über zahlreiche intertextuelle Verweise und rezeptionsgeschichtliche Anmerkungen freuen. Also: Es ist Zeit, mal wieder ein Buch in die Hand zu nehmen!

Foto: Antaios

 

 

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