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Geschichte

Philipp, das ist nicht mehr die alte Gang.

„Das Boot“ im Review

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Ein kleiner Trostpreis, den wir Deutschen für den verlorenen Krieg bekommen haben, ist, dass wir jetzt wenigstens die authentischsten Leinwanddarsteller für Nazibösewichte sind und somit einen gewissen Vorteil haben, wenn es um Filmproduktionen rund um das Dritte Reich geht. Dementsprechend pumpt die deutsche Filmbranche auch regelmäßig neue Nazistreifen raus; mit „Das Boot“ diesmal sogar eine ganze Serie mit bislang zwei Staffeln.

Die Serie ist keine Neuverfilmung des Buchs von Lothar-Günther Buchheim, aber sie ist vollgepfropft mit Referenzen auf den Film von 1981. Gleiche Sprüche, gleiche Situationen, gleiche Szenen, gleiche Schauplätze, ähnliche Charaktere. Der Alte ist der „Vernünftige“, der IWO ist der Nazi, die Mannschaft sind vulgäre Proleten. Auch den „Sensiblen“ gibt es, im Original war es der Offiziersschüler, in der Serie ist es der Funkmaat. Der Autor Tony Saint dachte sich wohl, Fans würden das lieben, wenn man möglichst viel von dem großen Vorbild kopiert. Ich selber empfand diese Referenzen als sklavisches sich-in-den-Schatten-Stellen – Tony hätte sich wirklich lieber was Neues ausdenken sollen.

Aber gut, die Story immerhin ist neu, und etwas, was es so noch nicht gab. Sie spaltet sich in zwei Handlungsstränge. Einer verläuft auf dem U-Boot, wo es darum geht, wie die meist schlecht gelaunte Mannschaft so allerlei Drama erlebt, unter anderem nicht weniger als drei Meutereien. Der andere, umfangreichere Handlungsstrang spielt sich kostengünstig im Stützpunkt in La Rochelle ab und dreht sich um zwei Lesben, die im „Widerstand“ sind und immer in Gefahr schweben, vom Gestapochef geschnappt zu werden.

Der Soundtrack besteht ausschließlich aus synthetischen Leidesklängen. Musik so von der Art, die man zu Bildern aus Tschernobyl spielen würde, um dem Zuschauer zu vermitteln, wie schlecht Kernkraft sei. Auch das Titelthema aus dem Originalfilm wurde verwendet und auf „leidend“ umarrangiert. Assoziierte die alte Musik noch sowas wie: „jetzt geht es auf ins Abenteuer, wenn auch in ein düsteres“,

sagt die neue Musik: „Ojemijemine, überall ist Leid, alle verhalten sich fies, das Wetter ist schlecht, nichts als Trübsinn“.

Und dabei gab es doch schon eine astreine Neuinterpretation des Boot-Themas:

Hätte man nicht die nehmen können?

Zur jammernden Musik passt auch der Look des Filmes. Über alles hat man einen desaturierenden Filter gelegt, der einem permanent den Eindruck verschafft, als sei immer irgendwie Staub in der Luft, als sei immer mieses Wetter. Als ob die Nazis sogar die Sonne ins KZ gesteckt hätten.

Und passend natürlich auch: die miesen Fressen. Man kann in jeder beliebigen Folge zu jeder beliebigen Stelle skippen, man wird nur deprimierte Visagen zu sehen bekommen. Ein Phänomen, das leider typisch ist für deutsche Filme (Stichwort „Tatort“). So sieht wohl die Filmkunst eines Volkes aus, das es liebt, sich in Schuld zu suhlen. Zeigte der Originalfilm eine ganze Bandbreite an Emotionen, neben Todesangst und Verzweiflung eben auch Euphorie, Optimismus und Jagdfieber, mimen die Darsteller der Serie eigentlich nur Angst oder Aggression.

Und hier zeigt sich eben auch unser derzeitiger politischer Zeitgeist, der in die Produktion eingeflossen ist. Dass die U-Boot-Männer stets als latent aggressiv, kriminell, böse oder ängstlich gezeichnet werden, das muss wohl so sein – es entspricht unserem heutigen Narrativ, dass „Nazi“ quasi die Definition von Böse ist und es folglich, wenn der Nazi herrscht, es keine anderen Emotionen geben darf als negative. Wann hätte man je in „Herr der Ringe“ einen Optimismus ausstrahlenden Ork gesehen? Die Wahrheit, dass für die meisten Deutschen Hitlers Diktatur eben kein Terrorregime, keine dunkle Herrschaft des Bösen war, sondern sich die damaligen Deutschen in Übereinstimmung mit Hitler befanden und sich ebenso im Kampf für „das Gute“ wähnten wie heute die Befürworter unseres aktuellen Systems (die NSDAP hatte 7,5 Millionen Mitglieder, im Widerstand waren extrem wenige), wird nicht ausgesprochen. Statt dessen werden wir wieder ratlos vor die Frage gestellt, wie um Gottes Willen es bloß möglich war, dass die Deutschen sechs Jahre lang fanatisch für das absolute Böse gekämpft haben.

Außerdem war die U-Boot-Waffe eine Elitetruppe und kein undisziplinierter, psychisch labiler Haufen, wie sie in der Serie dargestellt wird. Dieses ständige Meutern, Zanken und Morden gab es nicht. Die ganze Kriegsmaschinerie des Dritten Reiches funktionierte effizient, was sie nicht getan hätte, hätten sich die Soldaten so verhalten, wie es uns die Serie weismachen will. Lothar-Günther Buchheim beschwerte sich ja sogar höchstselbst über die Verfilmung von 1981 in dem Sinne, dass dort die Mannschaft als zu emotional und zu undiszipliniert dargestellt würde. Und genau von diesem Theater bekommen wir in der Serie jetzt noch viel mehr zu sehen. Statt zu versuchen, hier endlich ein realistisches Bild zu zeichnen, verlegte man sich wieder auf das ewige Hollywood-Narrativ. Terrorherrschaft, Nazi-Einpeitscher, verängstigte Mitläufer und mutige lesbische Widerstandskämpferinnen. Ja, ja, gähn. Das ist sooooooooo wahrscheinlich.

Ein weiterer störender Punkt ist die Sprechweise. Selten habe ich eine Serie gesehen, in der so viel genuschelt wurde wie in dieser. 1941 sprach man doch noch ein wesentlich deutlicheres und pointierteres Deutsch als heute, besonders beim Militär. Wäre schön gewesen, wenn man das die Schauspieler vorher hätte üben lassen.

Der Realismus der Serie aus technischer Sicht hingegen ist höher, als ich erwartet hätte. Zwar sind mir schon gleich in der Anfangsszene einige Ungereimtheiten aufgefallen: Warum übernehmen der Kommandant, der IWO und zwei Mannschaftsdienstgrade die Brückenwache, statt, wie es üblich war, vier Mannschaftsdienstgrade plus einem Wachoffizier? Warum wirft die Sunderland keine Bomben? Wo kommt so plötzlich der Zerstörer her? Warum kann der Zerstörer das auf Schleichfahrt operierende U-Boot orten ohne den Einsatz von Aktivsonar? Hier hat man den Realismus dem Plot geopfert, statt, wie man es eigentlich machen sollte, Fiktion und Realismus elegant zu verschmelzen. Dennoch hat man versucht, eine gute Portion Realismus einfließen zu lassen. Die Filmkulissen sind sehr originalgetreu. Das ist mehr, als man es von den meisten anderen U-Boot-Filmen gewohnt ist.

Lustigerweise wurde der Serie noch nicht Rassismus wegen mangelnder Diversity vorgeworfen. Immerhin: Solange wir Deutsche Nazischergen darstellen, dürfen wir unter uns bleiben. Das gesteht man uns zu. Und tatsächlich gibt es sogar eine kleine politische Inkorrektheit in der Serie: Ein Handlungsfaden befasst sich mit einem amerikanischen Milliardär des nicht ganz unjüdisch klingenden Namens „Greenwood“, der Hitler finanziell unterstützt haben soll. Dafür gab es denn auch Kritik seitens der „Welt“, die darin einen Versuch sieht, die Schuld für den Zweiten Weltkrieg bei irgendjemand anderem als den Deutschen zu sehen. Nur wir sind die Nazis, wer was anderes behauptet, ist ein Nazi.

Summa summarum kann ich die Serie doch irgendwie empfehlen. Und das, obwohl das ZDF die Rechte daran erworben hat (sehr schlechtes Zeichen). Ich würde weder raten, sie zu kaufen, noch sie mit voller Aufmerksamkeit zu gucken. Aber man kann sie mal so nebenbei, beim Hemdenbügeln oder Sockenzusammenlegen, abspulen lassen. Die Story ist zwar nicht der Rede wert, aber wenigstens erhascht man hin und wieder mal einen Blick auf eine schmucke deutsche Uniform, eine lesbische Liebesszene (falls man sowas mag), oder auf ein Typ-VII-Boot, das mit seiner herrlich martialisch-ästhetischen Form einfach ein Augenschmeichler ist. Daran kann auch die schlimmste Story nichts ändern.

 

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Hendrik Marzi
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Hendrik Marzi

Summa summarum kann ich die Serie doch irgendwie empfehlen.

Hmm, verstehe ich nicht. Nach dem Text ist mir klar, daß ich nicht einmal 5 min Lebenszeit, an diese Serie hängen werde.

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