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Mordhau – The Holy Grail oder die Vorhölle

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Blutüberströmt fällt mein enthaupteter Leib zu Boden. In den letzten Momenten des Bewusstseins, sehe ich noch, wie meine rotberockten Kameraden mit wütenden Schreien sich der Mörderbande entgegenwerfen, die mich durch ihre schiere Anzahl übermannt hatte. Ein besonders starker Recke mit einem Zweihänder zerteilt zwei der blauen Bösewichte; ein weiterer erschlägt einen mit seiner kleinen Handaxt. Ein buntgekleideter Recke meiner Mannschaft zückt seine Laute und verprügelt einen der blauen Kompanie.

Herzlich willkommen in dem Spiel »Mordhau«. Der Überraschungshit im Monat Mai hat sich mittlerweile einen festen, wenn auch jetzt deutlich kleineren Spielerstamm erobert und den Mittelalter-Schwert-Kampf-»Simulator« Spielebereich geprägt.

»Simulator« daher, da jeder enttäuscht wird, der wirklich einen Schwert-Schwing-Simulator erwartet hatte. Stattdessen erhält er eher eine Multiplayer-Version von Monty Pythons „Ritter der Kokosnuss“ oder „MP and the Holy Grail“, wie das englische Original heißt.

Mordhau ist das Erstlingswerk des Entwicklers Triternion aus Slowenien. Das knapp elf Köpfe umfassende Team setzt sich aus – größtenteils – europäischen Ländern zusammen. Laut Eigenangabe sind darunter Österreich, Deutschland, Polen, Slowenien, Spanien, Schweden und dann eben noch Kanada. 2017 wurden dafür noch über Kickstarter 300.000 US-Dollar eingesammelt, denn ursprünglich war es ein Fan-Projekt von Chivalry.Nun hat es sich zu einem würdigen Konkurrenten für die Platzhirsche von Mount&Blade und eben Chivalry entwickelt.

Doch wie kam es dazu, dass einige Wochen nach der Veröffentlichung eine stolze Zahl von 60 000 Spielern aktiv waren und eine Millionen Kopien verkauf wurden?

Was Mordhau ausmacht, ist das detaillierte Nahkampfsystem, das der Spieler aus Ego- oder Third-Person-Perspektive bestreitet. Dabei geht es nicht nur um Taktik und Wahl des richtigen Zeitpunkts, sondern vor allem die Beherrschung unterschiedlicher Schlagtechniken. Reposte, Morphen, Blocken, Antäuschen… all das muss der Spieler gelernt haben und auch beim Gegner ablesen können. Die Anzahl an Flüchen, die ich den ersten Spielstunden, selbst nach mehrmaligen Spielen des Tutorials, ausgestoßen habe, würde mich mehrtägig auf den Beichtstuhl fesseln. Dieses Kampfsystem ist also sehr fordernd und sorgt bei den Anfängern zunächst für Frust. Nach einer steilen Lernkurve gibt es aber nicht befriedigenderes, als wenn man seinen Nemesis gekonnt im Zweikampf besiegt.

Doch wer annimmt, dass es nur hier zu ritterlichen Zweikämpfen kommt, der irrt. Kernstück des Spiels ist, neben so zeitgenössischen Mode-Modi wie „Horde“ (Überlebensmodi mit Angriffswellen) und „Battle Royale“ (Eine Art Gladiatorenkampf mit Sammelkisten) der »Frontline« Modus. Hier müssen zwei Gruppen Missionsziele erfüllen. Die Unreal-4-Engine wird dabei gefordert: 32 gegen 32 Spieler treten an. Das sorgt für ein chaotisches wie episches Gemetzel.

So viel zum Rahmen, was eigentlich fesselnd ist, ist die Freiheit der Ausgestaltung des Spieles durch den Spieler. In Zeiten von Spielen als Massprodukt, können sich nur noch die älteren Semester an Spiele erinnern, die nicht so stromlinienförmig und manchmal sogar etwas hakelig, aber dafür umso spaßiger waren. Mordhau bietet dem Spieler ein breites Sortiment an Ausrüstung und Waffen aus allen möglichen Epochen an. So ist alles zwischen Wikinger, Normanne, Kreuzzügler oder Ritter in maximilianischer Vollplatte möglich. Auch Fantasie-Kreationen sind möglich. Dabei können diese Inhalte nur freigespielt und eben nicht freigekauft werden. Dazu kommt der eigentlich irrwitzige Preis von knapp 30 € für das komplette Spiel. Dies sorgt für Motivation und Abwechslung auf den Schlachtfeldern. Durch eine große Auswahl an Stimmen, Phrasen und Gesten, die der Spieler auf dem Feld abspielen kann, entsteht zudem eine irrwitzige bis immersive Atmosphäre. Spieler treten in Austausch miteinander, beleidigen sich oder rennen lachend und nur in Unterhosen über das Schlachtfeld. Außerdem können kleinere Barrikaden und Ballisten gebauten werden, so dass das »Feld der Ehre« stets eine Überraschung bereithält.

Allerdings sind wir damit auch langsam bei den Problemen dieses Spiels…

Noch gibt es keine offiziellen Duel-Server und der Erfolg des Spiels hat einige Lücken in die Performance geschlagen. Es ruckelt häufiger seitens der Engine und man muss sich auf Improvisationen einlassen. Dazu kommt noch, dass das Balancing bei der Masse an möglichen Kombinationen oft einige frustrierende Momente erzeugt. So gibt es fast unbesiegbare Reiterei und ein stellenweise katastrophales Map-Desgin, welches eine Mannschaft so favorisiert, dass die Runde sicher als gewonnen gilt, so bald unser Ritter die richtige Seite gewählt hat. Gewisse Waffen laden zum Ausnutzen einiger ihrer Eigenschaften ein. So erweisen sich Speere als wirksame Nahkampfwaffen und Feuerbomben sorgen für so anstrengungsfreie Kills, dass es absurd wird. Außerdem wird die Spielzeit dafür genutzt, um die Höhe an Gold zu messen, mit der der Spieler Ausrüstung kaufen kann. Dadurch werden lange Gefechte frustrierend, »verdient« man mit 45 Minuten Frontline weniger als bei einem guten »Duel« von 12 Minuten. Erfahrungspunkte bekommt man zwar für kooperatives arbeiten, nur bringen diese Erfahrungspunkte wenig außer dem Zugriff auf bestimmte Ausrüstungsgegenstände – die man dann aber wieder mit Gold freikaufen muss. Fehlendes Mischen der Teams sorgt zudem für regelmäßiges Plattwaltzen eines Teams durch ein anderes. Oft mehrmals hintereinander.

Die schnell gewachsene Communitiy wurde bereits »Opfer« des modernen Spielejournalismus: Es war von einer «toxischen» Gemeinschaft die Rede, gegen die der Entwickler etwas tun sollte. Tatsächlich fühlte sich der Entwickler dann zu einer Stellungnahme genötigt. Die Vorwürfe gingen über Rassismus, Homophobie oder einer genuin unanständig und enthemmten Umgangsform unter den Mordhau-Spielern. Außerdem fehlten Frauen und die Möglichkeit Nicht-Weiße Charaktere bei der Spielererstellung auszuwählen. Tatsächlich geht es in Mordhau oft übel zu: Teamkills gehören zur Regel; das schlechte Map-Desgin wird rücksichtslos ausgenutzt, übelste Beleidigungen sind Standard und der Blutrausch sorgt oft für eine gewisse Rücksichtslosigkeit seitens der eigenen Mitspieler. Hier verwandelt sich das »Camelot« in eine »Vorhölle«, in der verlorene Seelen wieder und wieder dazu gezwungen werden in brutalen Kämpfen grausam und mies gegeneinander zu sein. Das macht das Spiel unnötig anstrengend und frustrierend.

Inmitten dieses Chaos gibt es dann allerdings vielleicht einen Barden, der mit der Hilfe eines Scripts ein Lied auf der Laute spielt. Auf Duel-Servern geben erfahrene Spieler wildfremden Noobs Fechtunterricht. Immer wieder gibt es Dank der Sprach- und Gestenfunktion lustige Momente, in der Freund und Feind einfach nur Spaß miteinander haben oder einen kurzen Waffenstillstand ausmachen.

Ob diese Lichtblicke jedoch die Macken des Spiels und die tatsächlichen toxischen Spieler ausgleichen können ist sehr zweifelhaft. Viele Hoffnungen liegen nun auf dem nächsten Patch, der neben dem wichtigen Balancing auch neue Modi, Karten, Ausrüstungsgegenstände und eine Rangordnung für Spieler einführen soll.

Wer dem Ritterszenario und einem leistungsorientierten Mehrspieler gewogen ist, auch die nötige Selbstironie mitbringt und dafür auch einige Kanten akzeptieren kann, dem sei das Spiel wärmsten empfohlen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Young German.

Young German ist ein Blog zu Politik, Geschichte, Kultur, Gesellschaft und Militär. Wir sind ein kleines Team engagierter Autoren und schreiben in unserer Freizeit. YG ist ein ehrenamtliches Projekt ohne Gewinnorientierung.

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