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Comics

Eine polemisch essayistische Betrachtung von Köln oder na, na, na, na…Nerd Girl

Franz Rheinberger mit einer Meinung zum Thema „Nerd Girl“

Quelle: Screenshot ( https://sarahburrini.com/wordpress/ )

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Die Kölner Comiczeichnerin Sarah Burrini, seit 2009 betreibt Sie den Webcomic „Das Leben ist kein Ponyhof“; mittlerweile auch für Panini tätig, hat sich mit „Nerd Girl“ ein Superhelden-Ego mit semi-autobiografischen Zügen geschaffen. Seit 2018 liegen „Die nebenberuflichen Abenteuer von Nerd Girl“ in gedruckten Form beim Verlag Edition Kwimbi vor. Beim Druck wurde sich an us-amerikanischen Superheldenheften orientiert. Vorher gab es die Geschichten nur im Internet, doch der erwähnte Verlag, übrigens ein Ein-Mann-Betrieb, druckt unter anderen eben solche Webcomics, um diese einem anderem Publikum zugänglich zumachen. Auch wenn die zahlende Kundschaft keineswegs größer geworden ist, wie es in einem Artikel zu Burrini in der Comixene (129/2018) kritisch angeführt wurde (vgl. auch Zwiespalt im Herzen – der Besuch der German Comic Con Berlin). „Für Heft 1 hat die Zeichnerin jedoch neue, längere Geschichten gezeichnet“, so ein Artikel in der Alfonz (4/2018).

Bereits die deutschen Superhelden der „ASH – Austrian Superheroes“ und „LDH – Liga Deutscher Helden“ setzten sich aus verschiedenen Akteuren zusammen, die mit ihrem jeweiligen Lokalkolorit aufwarten konnten, und bereits in der LDH gab es den Jeck aus Köln (vgl. Arcadi 1/2018). „Nerd Girl“ könnte nun etwas typisch weibliches für Köln verkörpern. Später könnte sie eventuell sogar mal ihr eigenes Team mit „Bad Salzufflen Man“ erhalten, welchen Burrini in ihrem Vorwort zum Heft gleich mit entwirft, und mit dem sie dann einen „Rachefeldzug gegen Kurortschänder“ starten kann. (Und ja, Bad Salzuflen schreibt man mit nur einem „f“, aber Superhelden sind ja auch keine gewöhnlichen Menschen, da sollte man auf dem zweiten „f“ bestehen.)

Der Comic beginnt mit dem Erstauftritt von „Nerd Girl“ vom 28, Januar 2013, um gleich danach mit der Geschichte, der Aufklärung einer Einbruchsserie, zu starten, hinter der sich mehr verbirgt. Ach was will man jedoch zu dieser seichten Geschichte sagen. Oh gewiss, nerdig ist es schon, aber wozu taugt diese bloße Unterhaltung ohne Tiefe? In der 60. Ausgabe der Reddition (2014) sagte Burrini, dass „ein guter Comic einfach nur unterhalten darf“, auch ganz ohne einen tiefgründigen Mehrwert. Dies ist auch keineswegs verkehrt, manchmal dürfen Comics auch einfach nur unterhalten (vgl. „I Hate Fairyland“ Arcadi 3/2018). Doch warum sollte sich daraus nicht trotzdem ein Mehrwert ergeben oder kann dieser nicht auch auf anderer Ebene abgeschöpft werden?

Es sind humorvolle Stellen vorhanden, die der Unterhaltung dienen, wie die Darstellung einer Superheldenlandung oder ein Würfelspiel, das die prozentualen Ergebnisse eines Einbruchs aufzeigt. Auch ihr gefiederter Begleiter „Deathwing“, eine dreckige Taube, und ihre später auftretenden tierischen Helfer, Ratten, haben was für sich. Gerade letztere sind schön dusslig auf einer kompletten Seite illustriert, einfach nur fantastisch – eventuell war Burrini aber auch gerade „danach bekloppte Tiere zu zeichnen“?

Wenn man auf so manche Details achtet, könnte es eventuell stören, dass an einem Papierkorb „AfD Wahlurne“ geschrieben steht. Dies sollte es aber nicht, weil es die Situation einfängt, wie die Kölner Gesellschaft zusammengesetzt ist (414.789, 38 Prozent haben einen Migrationshintergrund) bzw. wie diese tickt. Denn in jener Stadt wollte man Bürgern den Zutritt zu Kneipen verwehren, weil diese sich demokratisch entschieden haben ein blaues Kreuz zu setzen. Und wo sich Frauen lieber der „toxischen Männlichkeit“ von Asylbewerbern und Nafris auf der Domplatte zu fügen haben, wenn sie die Armlänge Abstand nicht einhalten. Nerd Girl scheitert schon an einem Fahrraddieb, vor dem sie zusammengekauert kapituliert, was will man dann dagegen ausrichten?

„Insgesamt würde vielen Beteiligten [Comiczeichnern] sicher ein wenig mehr Gelassenheit und Abstand zu einigen aktuellen Themen gut tun“, so Burrini gegenüber Reddition. Während bei diesem Blick auf Köln Nerd Girl noch die Armlänge Abstand einhält, wird dies woanders über Bord geworfen. Kurz nach den Übergriffen der Silvesternacht 2015/2016 wurde auf ihrer Seite, als Teil der „Ablenkungsmaschinerie“ (Ellen Kositza) lieber ein Bild veröffentlicht, wo man auf das „Eigene“ einschlägt. (Aktuellere Eindrücke von Köln hier und hier).

Jedoch wird auch auf anderer Ebenen der zerfallende Charakter Kölns deutlich, der hier im Comic auf seine ganz eigene Art widergespiegelt wird. Der linke Hipster der nach kapitalistischer Brause lechzt und hier nicht nur geistig am Boden herumkriecht, bekommt nämlich genauso sein Fett weg, wie die Erwähnung unzähliger Großbaustellen. Auch die Darstellung einer Fahrt in einer überfüllen S-Bahn, in der Leute rücksichtslos laute Musik hören oder einen an den Ausdünstungen ihrer Speise- und Getränkegewohnheiten teilhaben lassen, zeigt einen tiefen Einblick von Köln.

„Nerd Girl“ geht teilweise also durchaus kritisch mit ihrer Stadt um. Die Heldin wird hier tatsächlich zu der „selbst dekonstruierende[n] Figur“ (vgl. Alfonz 4/2018), die auf ihre Art nicht nur Superhelden sprichwörtlich durch den Kakao zieht, sondern auch gleich nebenbei symbolhaft Köln, als einen besonderen Teil – überspitzt ausgedrückt – des failed state NRW, den wiederum eben die Heldin und die Person hinter hier nun mal verkörpern. Ein Lokalkolorit der ganz besonderen Sorte und dies ist teilweise erfrischend und/oder zu bemitleiden, je nach Perspektive.

Doch trotz dieser autobiografischen Züge die der Comic trägt, wird die Geschichte inhaltlich nicht besser. Das schlimme ist, dass das Verbrechen und die Verstrickungen im Hintergrund, die „Nerd Girl“ aufklären will belanglos und austauschbar sind. Sie erkennt zwar, dass Verbrecher oft komplexe Beweggründe haben und nicht immer alles so ist wie es auf den ersten Blick scheint.

Doch im Grunde wird die dünne Story, trotz eines melancholischen Ausblicks, nur durch den lockeren Zeichenstil und die nerdigen Referenzen einigermaßen zusammengehalten. Schade, aber eventuell kommt da noch mehr, in dem das Abenteuer auch inhaltlich richtig Fahrt aufnimmt, denn eine Fortsetzung des Abenteuers ist geplant. Wenn der ein oder andere kapitalistische Ausbeuter noch etwas vermöbelt wird, dann wäre allein damit der Geschichte schon Genüge getan – mehr kann man auch kaum erwarten. Am Nerdfaktor scheitert es zumindest nicht, aber auch ein Cliffhanger muss nicht immer schlecht sein.

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