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Ein Europäisches Reich? – Buchkritik „Europaradikal“

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Wir dürfen den Diskurs über Europa nicht den etablierten Kräften überlassen, sondern müssen uns als Rechte selbst mit eigenen Konzepten in die Debatte einschalten. Das behauptet jedenfalls Till-Lucas Wessels, der Autor des Kaplakenbandes Nummer 58 aus dem Hause Antaios mit dem jugendlich-eingängigen und offensichtlich auch absichtlich provokant gewählten Titel „europaradikal“. Wessel ist bisher hauptsächlich durch seine Tätigkeiten als identitärer Aktivist und durch seine journalistischen Beiträge für die Sezession in Erscheinung getreten. Dieses Buch ist seine erste Veröffentlichung.

Zunächst einmal darf ich dem Autor dieses kleinen Büchleins zu einer übersichtlich strukturierten und, in der Quellenarbeit, vorbildlichen Arbeit beglückwünschen. Anschaulich wird ein Überblick über Europakonzepte von links – ausführlich wird hier die Vision des französischen Präsidenten Emanuel Macron beschrieben – bis rechts – Europa der Vaterländer, Eurasien und Eurosibierien, Eurofaschismus und Europa der Regionen – gegeben. Im dritten und letzten Kapitel beschreibt Wessels schließlich, mit nicht wenigen Bezugnahmen auf vorher beschriebene Konzepte, seine eigene Vision vom „Europäischen Reich“.

Föderation und Regionen

Grundsätzlich soll nach seinen Vorstellungen Europa als Konföderation von Regionen organisiert sein, wobei der Gedanke des Reiches im Zusammenhang mit einem Gründungs- und Existenzmythos stehe – praktisch hat der etwaig zu etablierende Reichsgedanke als identifikationsstiftendes Element verstanden zu werden. Wie diese Mythosbildung verwirklicht werden soll, lässt Wessels aufgrund der Unvorhersehbarkeit der kommenden Ereignisse bewusst offen. Die bereits genannten Regionen entstünden aus, in Zukunft noch organisch zu bildenden, Teilgebieten aktueller Nationalstaaten. Die Nationalstaaten sollen sich aufgrund von Verwandtschaften und Wesensähnlichkeiten zu Großräumen bzw. Provinzen zusammenschließen. All dem steht ein gemeinsamer, von den gewählten Repräsentanten der Regionen zu bestimmender, Präsident vor, der maßgeblich nach charakterlicher Eignung, Kompetenz und gesellschaftlicher Legitimation ausgewählt werde. Die europäische Ebene bildet für Wessels dabei den Raum für die, aus seiner Sicht offensichtlich berechtigte, Existenz von Eliten, denen dort ein gerechter Platz zukäme.

Durch das Subsidiaritätsprinzip, das nach ihm in aller Rigidität umzusetzen sei, werden die Kommunen und Regionen zu den maßgeblichen politischen Akteuren und Repräsentanten der Europäer, wodurch das gesamte Reich gleichzeitig seine Legitimität erhielte. Parlamente auf Provinzebene dienten weniger als eigenständige Akteure denn mehr als Vermittler zwischen Regionen und Föderation. Nach Wessels soll auch das Schengenabkommen und damit die Freizügigkeit innerhalb der europäischen Staaten bestehen bleiben.

Nach innen offen, nach außen geschlossen

Politisch-inhaltlich vertritt Wessels die Auffassung, dass es in diesem Konzept eine gemeinsame Außenpolitik, Armee und Grenzüberwachung geben soll. Dieser nach außen geschlossene und nach innen freizügige Wirtschaftsraum soll auch ein gemeinsames Sozialsystem haben. Sein Wirtschaftskonzept sieht im Detail vor, dass sich möglichst auf Regionalebene Wirtschaftskreisläufe herausbilden, genau wie sich möglichst auch die Landwirtschaft auf dieser Ebene zu organisieren hat. Oberstes Ziel der Wirtschaftspolitik sei es möglichst autarke Regionen herauszubilden, während sich das Ziel der Landwirtschaftspolitik hauptsächlich darin erstrecke eine „Nahrungsmittelsouveränität“ zu ermöglichen. Geopolitisch stellt er sich einen selbstbewussten europäischen Machtblock vor, der weder russophil noch antiamerikanisch sei, je nach Projekt und Anliegen mit verschiedenen Bündnispartnern zusammenarbeitet und als oberstes Ziel die Wahrung der Existenzinteressen der Völker hat und sich sowohl dem Kampf gegen den Globalismus als auch dem Kampf gegen den Finanzkapitalismus widme.

Wohin soll die Vision führen?

Wessels Konzept ist an sich und in der Kürze beeindruckend vielseitig und umfassend. Er greift mögliche Probleme auf, versucht sie zu lösen oder zumindest Aussicht auf Lösungen zu geben und schafft es das Beste aus vielen Gedanken und Ideen rechter Europakonzepte zusammenzuführen und eine in sich schlüssige Synthese zu bilden.

Seine idealistischen Ansprüche sind hierbei unübersehbar und doch sind es genau diese Ansprüche, die Wessels Vision letztendlich zu Fall bringen. Wie bereits bei den Philosophen des Deutschen Idealismus und daraus sich ergebend auch allen hierauf bezugnehmenden Ideologienforderst,, geht in der Utopie der Blick für die Realität in schönen Worten und noch schöneren Vorstellungen verloren. Soll eine rechte Idee von Europa allerdings, anders als die bisherigen von links gedachten Europakonzepte, nicht in bedeutungslosem Wunschdenken versanden, muss der klare Blick vor allem auf die langfristigen Konsequenzen und auch das „wie und ob der Umsetzbarkeit“ gerichtet werden. Wessels Vision hat viele gute Ansätze, macht aber bereits zu Anfang einen großen Fehler, nämlich die Frage nach den Konsequenzen, dem „Wohin“ nicht zu stellen: Wohin soll diese Vision führen? Ja, ein geeintes Europäisches Reich, das hat er erwähnt – aber was danach?

Die Realität der Völker

Die Völker Europas werden nicht einfach verschwinden. Sie sind ein Faktum, alleine der Verschiedenheit der Sprachen wegen, von Kultur, Traditionen und Geschichte gar nicht erst zu sprechen. Wie soll diese Europäische Konföderation die Probleme, die in zukünftigen Jahrhunderten auftreten können, absorbieren? Was geschieht, wenn die Bevölkerungen der Völker Europas wieder wachsen sollten? Einige Staaten Europas könnten ein Bevölkerungswachstum kaum noch aushalten und durch den Bevölkerungsdruck wären Konflikte unvermeidbar. Oder stellt sich Wessels vor, dass es zu einer allmählichen Vermischung der europäischen Völker kommt? Auch in diesem Fall würde sich die Frage nach der Sprache und des Ablaufs einer solchen Vermischung und Vereinheitlichung stellen. Falls hier allerdings tatsächlich angenommen wird, dass der aktuelle Zustand der europäischen Völker eingefroren wie in einer ewigen Stasis erhalten bleiben würde, wäre dies eine gefährlich naive Ansicht der Lage. Ganz gleich jedenfalls welche dieser Positionen hier angenommen wird, keine spricht für eine lange Lebensdauer dieses Europäischen Reiches.

Nationalstaaten und Hegenomie

Aber nicht nur die Frage nach der langfristigen Entwicklung lässt die Stabilität dieses Konstruktes fragwürdig erscheinen. Wessels Annahme, dass sich die deutschen und französischen Hegemonialansprüche zügeln ließen, sind ebenso kurz- und undurchdacht. Denn würde es tatsächlich, wie er hier annimmt, vielen kleineren Staaten im Verbunde gelingen das Machtstreben zweier größerer, wesentlich mächtigerer Staaten einzudämmen, wäre dies ein in der Geschichte bisher beispielloser Vorgang. Das bedeutet natürlich nicht, dass es unmöglich wäre, lässt es aber dennoch sehr unwahrscheinlich erscheinen. Allgemein lässt sich gegenüber Wessels Theorie konstatieren, dass sie stark an die weltfremden Europautopien linksgrüner Weltverbesserer erinnert und systematisch konzeptbedrohende Fragen ausklammert.

Auch sein Bekenntnis zu den Nationalstaaten als Teilgliederung der Provinzen wirkt fade und schlicht wie ein Lippenbekenntnis, um nicht allzu viel Gegenwind aus den eigenen Reihen erfahren zu müssen. Denn eine funktionale Einbindung über das Symbolhafte hinaus, erfolgte in seinem Konzept nicht.

Gemeinsame Armee und Sozialsystem

Darüber hinaus gibt es noch einige Punkte in diesem Konzept, die mindestens erklärungsbedürftig genannt werden können. Als krasseste Punkte nur, sind an erster Stelle die gemeinsame europäische Armee und an zweiter Stelle das gemeinsame europäische Sozialsystem zu nennen:

  1. Jedem sollte grundsätzlich bekannt sein, wie eine Armee funktioniert. Es gibt einen Führungsstab, es gibt Untergliederungen, eine Hierarchie und letztendlich läuft es darauf hinaus, dass die Befehle von oben nach unten kommuniziert und ausgeführt werden müssen. Und an dieser Stelle harkt es bereits gewaltig. Wenn es sich hierbei um eine europäische Armee handelt, wer sollte diese dann führen? Einen Hegemon gibt es schließlich nicht und das heißt jedes Land müsste daran beteiligt werden. Bei etlichen verschiedenen Sprachen, die in einem solchen Führungsstab gesprochen werden würden, ist es ziemlich einfach sich vorzustellen, in welch heillosem Chaos ein solches Unterfangen Enden würde. Eine Armee muss effizient sein und im Notfall schnell Entscheidungen treffen können, davon hängen letztlich viele Soldatenleben ab. Eine nach dem Grundsatz des Begegnens auf Augenhöhe aller europäischen Länder aufgestellten Armee, könnte dies aber niemals leisten und wäre damit zum Scheitern verurteilt.
  2. Dass Wessels überhaupt auf die Idee gekommen ist ein gemeinsames Sozialsystem, inklusive massiver Umverteilungsmechanismen, anzustreben, lässt sich nur unter der Prämisse unbedingten Erhaltungswillens der Freizügigkeit zwischen den europäischen Staaten, sprich des Schengenabkommens, erklären. Wie er nämlich bereits selber richtig in seinem Buch erfasst hat, würde es ohne Ausgleichsmechanismus über die Zeit zu massiven Wanderungsbewegungen zwischen den Ländern mit hohem und niedrigem Lebensstandard kommen. Die Annahme, dass die Unterschiede zwischen den Völkern gering genug seien und somit nur geringe Umverteilung nötig wäre oder aber anzunehmen, dass die Zahlungsbereitschaft und Solidarität der starken Völker groß genug sei eine solche Last auf sich zu nehmen, trägt leider wieder den Stempel des naiven Idealismus. Die Ähnlichkeiten zwischen den Völkern sind nicht signifikant genug und auch die Verwandtschaft und vor allem die Wesensverwandtschaft ist, je weiter die Betrachtung sich vom Ursprung entfernt, umso geringer. Das führt dazu, dass mit dem Abstand auch die Bereitschaft zur Solidarität immer geringer wird. Gerade aber die Völker Europas, die sich am weitesten entfernt von den starken europäischen Ländern befinden, würden die meiste Unterstützung benötigen. Dass hier eine Solidarität zu erreichen sei, scheint also zumindest fraglich.

 

Eine Utopie

Nicht zuletzt erscheint auch Wessels streben nach einem Gründungsmythos ohne größere Umwälzungen, ohne Krieg oder Bürgerkrieg, denn genau danach klingt sein Wunschgedanke, unrealistisch. Jedes Land, auch die Vereinigten Staaten, bauen auf einem Gründungsmythos auf, der mit Gewalt, Krieg und viel Leid einhergeht – unter anderen Umständen lässt sich auch gar keine Schicksalsgemeinschaft schmieden. Und bei allem berechtigten Pessimismus, den wir heutzutage an den Tag legen dürfen, sieht es nicht danach aus, dass wir auf eine solche Zeit zusteuern. Das langsame Dahinsiechen und stillschweigende Verschwinden vieler europäischer Völker wirkt aktuell wesentlich wahrscheinlicher als ein bewaffneter Konflikt.

Letztendlich wirkt das gesamte Konzept nicht wie ein Versuch mit dem Faktum des Nationalstaates ein zukunftsfähiges Europa zu errichten, sondern so, als wünsche sich Wessels in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück, bevor sich die Idee der Nation durchgesetzt hatte, um aus den vereinzelten Stämmen und Völkerschaften eine Nation Europa zu bilden, anstatt die Herausbildung der heutigen Völker und Nationalstaaten zuzulassen. Niemand kann ihm seinen guten Willen, seinen Fleiß und auch seine im Ansatz guten Ideen in Abrede stellen, mit denen er einen starken Beitrag zur Debatte über rechte Europakonzepte geleistet hat. Dennoch lässt sich am Ende nicht verleugnen was seine Idee, ganz in der Tradition des Deutschen Idealismus, ist und bleibt – nämlich eine Utopie und nichts weiter als eine Utopie.

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Rifle77
Gast
Rifle77

Guter Artikel, ich habe mir das Buch gleich bestellt.

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