fbq('track', 'ViewContent');
Verbinde dich mit uns

Gesellschaft

Die Wahrheit über Stauffenberg

Veröffentlicht

 

am

 

Vor 75 Jahren am 20.Juli 1944 scheiterte das Attentan von Stauffeberg auf Adolf Hitler. Werner Bräuninger hat das Buch „Claus von Stauffenberg: Die Genese des Täters aus dem Geheimen Deutschland“ geschrieben. Wir haben ein Interview mit ihm geführt.

Stauffenberg wird von Linksextremen als Mitläufer und von Rechtsextremen als Verräter bezeichnet. Was ist Ihre Meinung zu diesen Vorwürfen?

Ich messe der Einschätzung der genannten Randgruppen keine große Bedeutung bei, denn in fast allen Fällen habe ich die Erfahrung gemacht, daß sie von der Genese Stauffenbergs, wie vom Ablauf des Geschehens des 20. Juli 1944 auch nicht die Spur einer Ahnung haben und  allenfalls in der Lage sind das, was sie irgendwann einmal im „Spiegel“ gelesen oder in den  Bezahlmedien gesehen haben, nachzuplappern. Weitaus schlimmer aber ist die festzustellende Tendenz innerhalb der etablierten Historikerzunft, die in ihrem Unvermögen, verbissenen Quellenfuror und ihren mühsam ersessenen universitären Karrieren mit der Wahrheit immer seltener in Berührung kommt. Dazu muß aber der Wille vorhanden sein, das Ganze zu betrachten, Irrtümer und Leistungen, Unrecht und Recht einer Persönlichkeit zu sehen. Stattdessen trifft man allenthalben auf Voreingenommenheit, Gehorsam gegenüber den flüchtigen und zugleich verführerischen Parolen des Tages und bleierner Schwere, statt Leichtigkeit. In nahezu allen bisher über Stauffenberg erschienenen Veröffentlichungen hat man es entweder mit seiner nachträglichen Heiligsprechung zu tun oder solchen, die ihn einzig und allein auf den Hochverrat reduzieren. Beide Blickwinkel taugen aber weder zum Verständnis der historischen Erscheinung noch überhaupt zu einer annähernd „neutralen“ Betrachtung dieses Mannes. Wie fast immer befinde ich mich mit meiner Arbeit „zwischen allen Stühlen“, doch habe ich mich unterdessen daran gewöhnt. Dem eher linksgewirkten Mainstream bin ich ohnehin suspekt und denen von der anderen Feldpostnummer auch, weil ich die klar zu Tage liegenden Verbrechen des NS-Staates nicht beschönige und in Stauffenberg einen Menschen sehe, der das Reich retten wollte – mit welchen Mitteln sei hier zunächst einmal dahingestellt. Und für die saturierten „Historiker“ des Instituts für Zeitgeschichte oder auch das FAZ-Feuilleton bin ich ohnedies persona non grata.

Gab es eine Chance für das Attentat und den Putsch erfolgreich zu sein oder waren sie zum Scheitern verurteilt?

Bräuninger: In meinen Augen gibt es eine Vielzahl von Faktoren, die das gesamte Umsturzunternehmen „Operation Walküre“ von vornherein zum Scheitern verurteilen liessen. Der Hauptgrund lag vor allem darin, daß Hitler als Eidnehmer das Attentat überlebte. Die gesamte Planung der Verschwörung war auf ein Gelingen eingestellt um einen allgemeinen Zustand der Eidesfreiheit herbeizuführen, der dann jedoch ausblieb. Zum zweiten erwies es sich als tödlich, daß Stauffenberg zugleich Täter und organisatorischer Kopf des Unternehmens war und erst Stunden nach dem Anschlag selbst aktiv in Berlin in Erscheinung treten konnte; wertvollste Zeit ging somit verloren. Stauffenberg erwies sich als einzige Persönlichkeit von wahrhaftem Format, personelle Alternativen hatte man kaum, denn die heterogene Riege um ihn war doch ziemlich mediokren und bestand zu einem Großteil aus bei Hitler in Ungnade gefallenen Generälen, in ständischem Denken verhafteten Gutsherren oder großbürgerlichen Repräsentanten der Weimarer Zeit, die ihr Ressentiment für staatsmännische Weisheit hielten.

Dazu kam die ungeklärte und höchst verworrene Lage im besetzten Frankreich, vor allem nachdem Rommel bei einem Tieffliegerangriff schwer verwundet wurde und damit als hohe Autorität ausfiel. Das Zaudern Generalfeldmarschall von Kluges sich im Westen zum Gegenspieler Hitlers zu machen und der unglaubliche Dilettantismus des Militärbefehlshabers in Frankreich, Carl-Heinrich von Stülpnagel, taten ein Übriges. Das alles sagt aber auch viel über die grundsätzliche charakterliche Nichteignung des deutschen Soldaten zum Verrat aus.

Weiterhin hätte der Putsch keinerlei Unterstützung von Churchill und Roosevelt gefunden; die Verschwörer jedoch hofften darauf, auch auf die Option, sich eventuell mit den Alliierten militärisch nach Osten wenden zu können um die Sowjets zurückzuschlagen; eine geradezu sträfliche Naivität und grobe Unkenntnis der Absichten der Feindmächte, die Deutschland nicht vom Nationalsozialismus befreien, sondern es zur bedingungslosen Kapitulation zwingen wollten.

Erwähnt werden muß auch das völlige Versagen des militärischen Nachrichtennetzes der Umstürzler, sie waren ja noch nicht einmal imstande in Berlin das Funkhaus zu besetzen. Major Remer hingegen, der einen großen Teil zur Niederschlagung des Putsches in Berlin beitrug, war für das angezählte NS-Regime der „richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort“.
So gut wie nie beachtet wird auch, daß in der Geburtsurkunde des möglichen neuen Regimes Mord und Verrat eingemeißelt gewesen wären, das aber hätten die damals lebenden Deutschen niemals akzeptiert. Man sollte sich keiner Täuschung hingeben: Die Masse des deutschen Front- und Heimatheeres, wie auch das Volk selbst, stand zu diesem Zeitpunkt noch ziemlich geschlossen hinter Hitler. Man darf zudem nicht vergessen, daß der feudal-reaktionäre Kreis der Verschwörer des 20. Juli die im Volke ungemein populären sozialistischen Leistungen des Nationalsozialismus mit Sicherheit wieder drastisch zurückgefahren hätte, vor allem zu Lasten des deutschen Arbeiters. Daran hätten auch einige abgehalfterte ehemalige Gewerkschaftsfunktionäre und SPD-Bonzen, die man sich als „linkes“ Aushängeschild umhing, nichts geändert.

Über Stauffenberg wurden bereits viele Biografien geschrieben. Warum hat Ihnen das nicht ausgereicht?

Bräuninger: Weil ich bis dahin, wie so oft bevor ich mich dann schließlich selber an den Rechner setze, immer wieder nur die halbe Wahrheit vorgesetzt bekam – und das erzürnte mich. Ich wollte daher weder eine Hagiographie, noch eine Verdammungsschrift über ihn verfassen, dazwischen aber existierte kaum etwas. Dazu kam: Der ganz wesentliche Impuls Stauffenbergs, sich schließlich gewaltsam gegen Hitler zu wenden, ging definitiv und originär von seiner geistigen Herkunft aus dem Kreis um Stefan George aus, dem „Dichter als Führer“ und „Künder des Neuen Reiches“, dem der Graf seit seiner Jugend aufs engste verbunden war. George verachtete in statuenhafter Einsamkeit, angestrengtem Stilisierungswillen und cäsarischer Attitüde die Masse und inszenierte innerhalb seiner Gefolgschaft einen beispiellosen Knaben- und Schönheitskult. Diesen männlichen Typus zu erkennen, zu erziehen und auszuformen sah er als seine höchste Aufgabe an. Claus von Stauffenberg und seine beiden Brüder waren seit ihren Formationsjahren durch seine harte Schule gegangen, ihr ganzes Denken wurde vollends in die Zucht des Dichters, ihres „Meisters“, wie sie ihn respektvoll und zugleich schwärmerisch nannten, genommen. Nach Georges Tod war Claus von Stauffenberg einer seiner Nachlassverwalter. Das wurde von der etablierten Historie immer wieder als Marginalie abgetan – eine unverzeihliche Torheit und Unterlassung. Aber auch die moralische Frage der Inkaufnahme so vieler unschuldiger Opfer, Wehrmachtskameraden Stauffenbergs, von denen am 20. Juli 1944 in der „Wolfsschanze“ vier getötet und neun weitere schwer verletzt wurden, hat man so gut wie nie ernstlich gestellt. Und weiter kommt dazu meine positive Herausstellung jener sehr jungen Offiziere, die Stauffenberg um sich geschart hatte und die sich vor Freislers Volksgericht mutig, klar und ohne Umschweife zur Tat bekannten; zu nennen wären hier vor allem Bernardis, Klausing, von Hagen und Yorck von Wartenburg. Die ebenfalls angeklagte hohe Heeresgeneralität machte hingegen eine überwiegend traurige Figur und beteuerte in immer neuen Ausflüchten ihre vermeintliche Unschuld. Vor diesem Hintergrund gewinnt Stauffenbergs resignierte Bemerkung, die er am Abend des 20. Juli über seine Mitverschwörer aussprach, klare Kontur: „Sie haben mich ja alle im Stich gelassen“.

Die letzten Worte Stauffenbergs sollen der Spruch: „Es lebe das geheime Deutschland!“ gewesen sein. Was meinte er damit?

Bräuninger:Es ist zugleich von dieser und nicht von dieser Welt“, meinte der jüdische Historiker Ernst Kantorowicz, der ebenfalls dem Kreis um George angehörte, über dieses „Geheime Deutschland“, Mit seiner Darstellung des Staufers Friedrich II., der reinsten Versinnbildlichung der im George-Kreis häufig gebrauchten Losung von „Herrschaft und Dienst“, hatte er eines von dessen Hauptwerken geschaffen. Die Chiffre geht bereits auf Hölderlin, Kleist und Paul de Lagarde zurück, es war aber der Kreis um Stefan George, der den Begriff zum ersten Mal mit blutvollem Leben erfüllte. Im Grunde hat das „Geheime Deutschland“ jedoch keinen Ort. Es begegnete Stauffenberg in den Insignien des Reiches, Krone, Zepter, Reichsapfel, Schwert und Heiliger Lanze, Symbolen der Herrschaft der Kaiser und Könige des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Er verspürte seine Aura auf den Schlachtfeldern an der Unstrut, dem Lechfeld bei Augsburg und bei Peterwardein, erinnerte an die Jahre 933, 955 und 1716, erinnerte sich an die Namen Karls des Großen, Heinrichs I. und Ottos I., an den Bamberger Reiter – wie man den Grafen bei der Armee zuweilen auch nannte – an Sanssouci, den Kirchhof von Röcken, die Villa Wahnfried und an das Grab in Friedrichsruh.

Für viele Patrioten ist Stauffenberg ein Held. Was können wir noch heute von Stauffenberg lernen?

Bräuninger: Mir persönlich wäre lieber gewesen, wenn sich Hitler 1945 vor einer Art friderizianisch-preußischen Kammergericht hätte verantworten müssen, denn daß er vor einem Gericht solchen Zuschnitts nicht hätte bestehen können, steht ausser Frage. Wenn Stauffenberg eines nicht war, dann ein Demokrat in dem Sinne, was man heute gerne darunter verstehen will. Stauffenberg als Vorkämpfer des bundesrepublikanischen Grundgesetzes anzurufen, dazu gehört schon eine ausgesprochene Chuzpe und grenzt an Perfidie. Wäre er heute politisch aktiv, so würde sein Name unter Garantie im Verfassungsschutzbericht auftauchen. Sicher muß man den meisten Beteiligten an dem Umsturzversuch des 20. Juli zugute halten, daß in ihnen allen der aufrichtige Wunsch glühte, Deutschland von Schande zu reinigen und es in letzter Stunde vor dem drohenden Untergang zu retten. Ich kann daher auch die Auffassung Henning von Tresckows völlig nachvollziehen, der in den berühmt gewordenen Worten vom Sommer 1944 sagte „Das Attentat muß erfolgen, coûte que coûte…denn es kommt…darauf an, daß die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat“. Würde man die Organisation des Widerstandes unterlassen, so Stauffenberg, so wäre man ein Verräter vor seinem eigenen Gewissen. In einer Situation, da ein Volk in völliger Offenkundigkeit von seiner Regierung dem sicheren Tod ausgeliefert wird, bedeuten Amtseide und Pflichterfüllung diesen gegenüber nichts mehr, wenn durch die Verweigerung derselben noch die Aussicht auf Rettung besteht. Es stellt sich daher heute die Frage, wie man mit einer Kanzlerin umgehen soll, die ihr Volk sehenden Auges an den Rand des Abgrundes führt und diesem wie willenlosen Lemmingen befiehlt „Springt von den Klippen herunter ins Meer – und ersauft!“. Der Wille zur Bewahrung des Eigenen, zur Selbsterhaltung- und verteidigung, ziviler Ungehorsam, die Verweigerung der Gefolgschaft, gewaltfreier Widerstand – das wäre heute Stauffenbergs Credo und so würde er handeln. Denn wenn die Kommandeure versagen, dann müssen Initiative und Befehlsgewalt eben von den „unteren Dienstgraden“ ergriffen werden, wenn es um Sein oder Nichtsein und um die „letzten Dinge“ geht. Daß dies durchaus möglich ist, können wir von Claus von Stauffenberg lernen und hat er eindrucksvoll gezeigt.

Haben Sie den Film „Operation Walküre“ mit Tom Cruise gesehen?

Bräuninger: Ja, ich habe ihn damals angeschaut, denn er kam wenige Jahre nach Erscheinen meines Stauffenberg-Buches in die Kinos, aber natürlich erfüllte diese Hollywood-Produktion nicht meine Ansprüche an solch einen Film. Es finden sich dort zahlreiche Ungenauigkeiten, angefangen über nicht korrekt genannte militärische Dienstgrade und auch frei erfundene Begebenheiten. Dennoch finde ich ihn vergleichsweise gut, denn er zeigte mit Tom Cruise als Hauptdarsteller in einer gewissen Leichtigkeit den Attentäter auch als musischen Menschen in soldatischer Haltung, der er ja zweifellos war. In Nuancen wurde sogar der Bezug zu George hergestellt, im Gegensatz zu den meisten deutschen filmischen Darstellungen, mit ihrem anmaßenden pädagogischen Impetus, ihrer Hypermoral, die zudem noch künstlerisch ganz überwiegend dürftig, staubtrocken und in ermüdender Langeweile daherkommt.

Vielen Dank für Ihr Interview!

Did you like this?
Tip Arcadi Staff with Cryptocurrency

Donate Bitcoin to Arcadi Staff

Scan to Donate Bitcoin to Arcadi Staff
Scan the QR code or copy the address below into your wallet to send some bitcoin:

Donate Bitcoin Cash to Arcadi Staff

Scan to Donate Bitcoin Cash to Arcadi Staff
Scan the QR code or copy the address below into your wallet to send bitcoin:

Donate Ethereum to Arcadi Staff

Scan to Donate Ethereum to Arcadi Staff
Scan the QR code or copy the address below into your wallet to send some Ether:

Donate Litecoin to Arcadi Staff

Scan to Donate Litecoin to Arcadi Staff
Scan the QR code or copy the address below into your wallet to send some Litecoin:

Donate Monero to Arcadi Staff

Scan to Donate Monero to Arcadi Staff
Scan the QR code or copy the address below into your wallet to send some Monero:

Donate ZCash to Arcadi Staff

Scan to Donate ZCash to Arcadi Staff
Scan the QR code or copy the address below into your wallet to send some ZCash:

Werbung
3 Kommentare

3
Hinterlasse einen Kommentar

avatar
2500
  Abonnieren  
neueste älteste meiste Bewertungen
Benachrichtige mich bei
Martin Landner
Gast
Martin Landner

Leute, ihr wollt eine Kultur- und Jugendzeitschrift sein, aber ich lese hier seit Wochen praktisch nur Politartikel. Welcher Jugendliche interessiert sich für Kriege des letzten Jahrhunderts? Die wollen was über Filme oder Musik, sie interessieren sich für die Belästigungen in Freibädern, Mobbing in Schulen.

Ladig
Gast
Ladig

Oje, Herr Landolf, Ihnen ist obiges Geschwurbel noch nicht populistisch, verhetzend genug? Wenden Sie sich doch bitte an die Mainstreammedien, diese werden Ihnen vollumfänglich zu Dienste sein.

Pollux
Gast
Pollux

Danke für den Versuch einer der Wahrheit verpflichteten Historiographie. Und die Jugendlichen sollten sich eben genau dafür interessieren, um Zusammenhänge zu verstehen, die etwa auch zu Belästigungen in Freibädern und andere Volkszerstörungen führen. Aber die Wahrheitssuche ist halt ein mühsames Unterfangen….

Werbung

Beliebte Beiträge