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Politik

Die Kinder fraßen ihre Revolution

Die nationalrevolutionären Wurzeln der 68er – und was davon übrig blieb

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Die legendäre 68er Studentenbewegung hat dieses Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum gefeiert, was in einer Vielzahl von erinnernden, mal befürwortenden, mal ablehnenden Artikeln und anderen medialen Beiträgen mündete. Auf Arcadi hat sich jüngst Justin Cedric Salka in einem differenzierten Artikel mit dem Widerstand von 1968 auseinandergesetzt. Doch leider ist, so muss man kritisch konstatieren, längst nicht jede konservative Auseinandersetzung mit den 68ern so differenziert. Zumeist gilt die Studentenbewegung und deren Folgen, wie vor allem der vermeintliche „Marsch durch die Institutionen“ seitens der von 1968 geprägten akademischen Eliten, als eine Art Grundübel, welches die heutige Schieflage eines globalistischen, entgrenzenden und multikulturellen Linksliberalismus überhaupt erst derart produziert und vor allem als gesellschaftlichen Konsens etabliert habe.

Doch stimmt diese Diagnose? Bei genauerer Betrachtung, im Rahmen derer man sich sowohl Erkenntnisse der Geschichtswissenschaft und der soziologischen Protest- und Bewegungsforschung als auch Positionierungen der Akteure von damals selbst zu Gemüte führt, wird man feststellen, dass die Sache so einfach nicht ist. Vielmehr lässt sich feststellen, dass der „harte Kern“ der Außerparlamentarischen Opposition (APO) und des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS), welche die 68er Bewegung maßgeblich trugen, in weiten Teilen von einem Denken geprägt war, das mit dem heute grassierenden antinationalen Linksliberalismus nur sehr wenig zu tun hatte, sondern tatsächlich als „nationalrevolutionär“ im weiteren Sinne beschrieben werden kann. Dies traf (bzw. trifft) im Besonderen auf den Studentenführer Rudi Dutschke zu, der 1979 an Spätfolgen des Attentats auf ihn starb, aber auch auf den „zweiten Mann“ der 68er, den späteren Professor am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU Berlin, Bernd Rabehl, der heute gar als NPD-naher Hardliner gilt, ebenso wie auf den damaligen Berliner SDS-Landesvorsitzenden und Politologen Tilman Fichter, später Referent für Schulung und Bildung beim SPD-Parteivorstand und eher moderat nationalrevolutionär positioniert.

Die 68er und die Konservative Revolution

Der Historiker Manuel Seitenbecher hat sich in seiner umfangreichen Dissertation „Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er-Bewegung?“ (2013) in durchaus umfassender Form mit der Materie auseinandergesetzt. Dies erfolgt freilich auch bei ihm nicht immer in der wissenschaftlich-objektiven Form, die bei Arbeiten dieser Art gerne suggeriert wird: So dankt der Autor in seinem Vorwort auch ausdrücklich der Axel-Springer-Stiftung für die Förderung des Drucks seiner Doktorarbeit (vgl. Seitenbecher 2013: 7). Bedenkt man, in welch flammender gegenseitiger Abneigung sich die 68er und der neokonservative und neoliberale, heute klar globalistisch ausgerichtete Springer-Konzern gegenüber standen, so könnte man schon die berechtigte Frage stellen, ob unter solchen Voraussetzungen noch eine sachlich-nüchterne Betrachtung des Forschungsgegenstandes möglich und erwünscht war. Nichtsdestotrotz wartet das Buch mit interessantem Detailwissen zu den Positionierungen der wichtigsten Akteure und Vordenker der 68er auf.

So hatte etwa Bernd Rabehl 2002 bekannt, dass in der Bewegung nicht zufällig „die nationalrevolutionären Schriften von Ernst Niekisch (…) studiert [wurden], um eine Konzeption der nationalen Wiedergeburt des deutschen Volkes in eine linksrevolutionäre Tradition zu stellen“ (Rabehl 2002: 428; zitiert nach Seitenbecher 2013: 100). Sicherlich war eine solche Beschäftigung mit politischen Theoretikern der Konservativen Revolution in der Bewegung keine selbstverständliche Betätigung und der Stellenwert von entsprechenden Autoren wie Niekisch nicht mit dem von anti-imperialistischen Ikonen wie Che Guevara, Fidel Castro, Mao Tse-tung oder Ho Chi Minh vergleichbar. Und doch war er dem ideologischen Kern der 68er alles andere als fremd. Gleiches gilt zudem für den wohl bekanntesten konservativen Staatsrechtler schlechthin, Carl Schmitt: Bekanntermaßen gab es in der Studentenbewegung auch linke „Schmittianer“, die sich am Begriff des Politischen orientierten, den Schmitt bereits 1932 geprägt hatte und demzufolge das Politische ein Primat erhält, mittels dessen es mindestens im sogenannten Ausnahmezustand alle anderen gesellschaftlichen Unterscheidungen verdrängen kann (vgl. Schmitt 2015a). Eine Denkweise, die zum 68er-Credo „Auch das Private ist politisch“ – welches die Persönlichkeit des Einzelnen stets auch zu politisch-moralischem Denken und Handeln verpflichtet – sehr gut passt. Kein Wunder, dass auch der 68er und Publizist Günter Maschke später zu einem der wichtigsten Schmitt-Kommentatoren des rechten Spektrums wurde.

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Florian Sander ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Außerdem ist er Mitglied der Landesprogrammkommission sowie des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW. Er schrieb u. a. für Le Bohémien und Rubikon und betreibt auf http://konservative-revolution.blogspot.com seinen eigenen Blog.

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