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Politik

Die Balkanroute ist nichts dagegen – Venezuelas Exodus und seine Auswirkungen

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Gastbeitrag von Young German (J. Broederbond)

In der letzten Woche machte in Deutschland die Meldung Schlagzeilen, dass nun Flüchtlinge aus Venezuela in der Bundesrepublik die zahlenmäßig die zweitstärkste Gruppe seien.

Das hat bei dem ein oder anderen für gehobene Augenbrauen gesorgt, tatsächlich handelt es sich jedoch “nur” um 14257 Menschen. Die Mehrheit von Ihnen hat in Venezuela zur Mittel- oder Oberschicht gehört.

Das Regime von Nicolas Maduro ist aus der Auseinandersetzung mit dem selbsternannten Präsidenten Juan Guaido gestärkt hervorgegangen, er verfügt weiterhin über die Kontrolle im Land – trotz Hunger und Stromausfällen sitzt der Sozialist mit einer Vorliebe für Kurzarmhemden fest im Sattel. Während seine Unterstützer weiterhin auf Nahrungsmittellieferungen zurück greifen können, leidet die weit überwiegende Mehrheit der Venezolaner so sehr unter der Situation, dass sich selbst die Unterschicht zu Fuß auf den Weg über die Grenze macht. Die Reicheren unter den Flüchtlingen verfügen noch über ausreichende Geldmittel für Flüge nach Europa oder Aruba, die weit überwiegende Zahl verlässt das Land auf Schusters Rappen. Die Folgen sind über den ganzen Kontinent ersichtlich. Tag und Nacht ziehen am Rand der berühmten Panamericana Treks an jungen Familien in Richtung der reichen Länder Argentinien und Chile. Jeder Grenzübergang ist für diese Menschen ein Nadelöhr an dem der Strom gestaut und registriert wird. Mittlerweile handelt es sich um über vier Millionen Menschen, die sich über den Kontinent ergießen. Es sind dabei mehrere interessante Effekte zu beobachten.

Zum einen sorgt die schiere Distanz des Kontinents für einen Sortiereffekt: Die studierte Mittelschicht, die nicht nach Europa gegangen ist, gelangt – via Bus und Flugzeug – in Chile und Argentinien. Dementsprechend ist die öffentliche Meinung dort über die Neuankömmlinge gut, handelt es sich doch mehrheitlich um Anwälte, Lehrer und Ärzte die dort häufig Arbeiten unterhalb ihrer Ausbildungsreife verrichten. Mustereinwanderer in jeder Hinsicht. Die Mittelschicht aus Bäckern, Rezeptionisten, Sekretären und Mechanikern bleibt in Peru. Dort kommt es zu Verdrängungseffekten innerhalb des Landes. Gerade gegenüber den eher sparsam kommunizierenden indigenen Peruanern aus den Anden glänzen die Neuankömmlinge mit Englischkenntnissen und Kommunikationsfreude.

Auch vereinzelte Kriminelle und Prostituierte tragen zu einer negativen Stimmung der Bevölkerung bei, zumal auch die Venezolaner ethnisch klar von den mehrheitlich indigenen Peruanern zu unterscheiden sind. Ähnliches gilt mit Abstrichen für Ecuador, in dessen Hauptstadt Quito ohnehin bereits ein Bandenproblem existiert. Folgerichtig ist der Grenzübergang zwischen Kolumbien und Ecuador zu einem Sicherheitsrisiko geworden. Die völlig überlaufene Grenze bei der kolumbianischen Stadt Pasto ist ein Moloch in dem Familien sich verlieren, Touristen am hellichten Tag überfallen werden und die Polizeien beider Länder nur noch den Mangel an Sicherheit verwalten – trotz internationaler Präsenz des UNHCR und des roten Kreuzes. Wartezeiten zur Abfertigung von über fünf Stunden fügen der lokalen Wirtschaft großen Schaden zu. Während in Peru mehrheitlich kleinere Gruppen am Straßenrand entlang ziehen, staut sich der Flüchtlingsstrom hier zu einer kilometerlangen Schlange am Straßenrand.

Am gravierendsten sind die Folgen der Krise jedoch in Kolumbien zu spüren. Schätzungen der Regierung zu Folge sind mittlerweile 1,5 Millionen Venezolaner ins Land gekommen. Wer hier hängen bleibt, gehörte schon in Venezuela zu den Ärmsten der Armen. Viele der Neuankömmlinge sind unterernährt, fast jeder versucht sich mit dem Verkauf von Süßigkeiten oder Krimskrams über dem Wasser zu halten. Organisierte Kriminalität von Seiten der venezolanischen Flüchtlinge ist hier, anders als in Peru, nicht mehr zu bemerken, zum einen halten die kolumbianischen Kartelle die öffentliche Lage ruhig und sicher – zum anderen sind die Flüchtlinge schlicht zu geschwächt. Es handelt sich um eine handfeste humanitäre Krise, die sich zu spitzt, je weiter man in Richtung der venezolanischen Grenze vor stößt. Am Grenzübergang selber herrscht schließlich totales Chaos. Ein Blick wie in Dantes sieben Kreise der Hölle: Hundertausende Menschen in beide Richtungen unterwegs, beladen mit Schmuggelgut, mit Medikamenten aus Kolumbien und Benzin aus Venezuela. Dazwischen kolumbianisches Militär mit grimmiger Mine. Im kolumbianischen Hinterland hat der Flüchtlingsstrom den überwunden geglaubten Bürgerkrieg wieder aufflackern lassen, Straßensperren und Entführungen sind in die Grenznahen Provinzen zurück gekehrt.

Spricht man inoffiziell mit Bürgermeistern, Polizeichefs und Kongressabgeordneten spürt man die Sorge vor einem totalen Kollaps der mühsam errungenen Sicherheit. Erschwerend hinzu kommt, dass Kolumbien historisch keine Erfahrungen mit Flüchtlingen aus dem Ausland hat. Noch bemühen sich die meisten Kolumbianer nach Kräften um eine freundliche Haltung aber wie lange sich diese noch aufrecht erhalten lassen wird ist fraglich. In Venezuela selber hat der Massenexodus paradoxerweise zu einer Beruhigung der Lage geführt. Wer geht, ist üblicherweise jung und dynamisch. Die Alten und Resignierten bleiben zurück. In den letzten Monaten war selten so viel Ruhe in Caracas wie jetzt. Friedhofsruhe zwar, aber dennoch Ruhe.

Es ist davon auszugehen, dass die Chance auf erfolgreiche Massenproteste in Venezuela vergangen ist. Stürzt das Regime in den nächsten Monaten, dann stürzt es aufgrund Widerstands von innen – nicht aufgrund der Opposition.

Young German ist ein Blog zu Politik, Geschichte, Kultur, Gesellschaft und Militär. Wir sind ein kleines Team engagierter Autoren und schreiben in unserer Freizeit. YG ist ein ehrenamtliches Projekt ohne Gewinnorientierung.

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