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Bücher

„Der Aufstieg der Neuen Rechten“

Eine Rezension der Arcadi-Neuerscheinung

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Alexander Markovics, Historiker und Vorsitzender des Suworow-Instituts in Wien sowie früher auch einer der prägenden Akteure der Identitären Bewegung (IB) in Österreich, hat sich mit seinem neuen Buch, „Der Aufstieg der Neuen Rechten“, ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Mit dieser ersten Buchveröffentlichung des Arcadi-Verlags möchte er der „inflationären Verwendung“ (Klappentext) des Begriffes der Neuen Rechten begegnen und Klarheit schaffen über die Strömungen, Akteure, Parteien und Bewegungen, die dieser zugerechnet werden. Ist ihm dies gelungen?

Was ist die Neue Rechte überhaupt – und was nicht?

Klar ist: Der Mann ist gut informiert. Wie auch von einem studierten Historiker und Institutsleiter, der vor allem auf das Werk Alexander Dugins, des großen russischen Vordenkers, spezialisiert ist, zu erwarten ist. Auch dessen Einfluss auf den Autor merkt man dem Werk an: Immer wieder kommt Markovics auf Dugin zurück, auch außerhalb des speziell ihm und seiner „Vierten Politischen Theorie“ gewidmeten Kapitels (ab S. 76). Dies ist gut begründbar: Gehört Dugin doch unzweifelhaft zu den einflussreichsten Köpfen neurechter politischer Theorie und auch der russischen Geopolitik unter Präsident Putin.

Klar ist ebenso: Markovics‘ Anliegen ist mehr als berechtigt. So ranken sich um den Begriff der Neuen Rechten doch teils abenteuerlich unterschiedliche Interpretationen und Verständnisse, die mitunter diametral entgegengesetzt, da von Missverständnissen durchsetzt sind. Hüten muss man sich etwa, die „Neue Rechte“ als Synonym für „Neokonservative“ zu begreifen, welche ja eben gerade nicht rechts, sondern letztlich eher als „militant-liberal“ zu bewerten sind – ein ideologischer Unterschied freilich, den die heutige Journalistenfraktion in Deutschland, Europa und den USA, die in weiten Teilen über Google „recherchiert“, oftmals intellektuell gar nicht zu erfassen imstande ist. Noch diffiziler wird es dann da, wo auch noch die Fraktion der „Neowestler“ (Trumpisten) hinzukommt und dem ohnehin komplizierten weltanschaulichen Milieu einen weiteren, heute sehr einflussreichen Akteur hinzufügt, der in der Republikanischen Partei der USA die NeoCons weitestgehend verdrängt hat, jedenfalls aktuell. Der Autor schlüsselt diese komplexen Verhältnisse im Kapitel dazu (ab S. 125) kompetent auf und schafft hier in der Tat Klarheit. Auch ein Blick auf die „Alternative Rechte“ (Alt Right) der USA, welche der etablierten liberalen Rechten der GOP entgegensteht, kommt nicht zu kurz (ab S. 36).

Der kapitalismuskritische Aspekt

Hier reiht sich auch das nächste große Verdienst des Buches ein: Es erteilt der allzu üblich gewordenen Verwechslung von „(neu-)rechts“ und „rechtsliberal“ eine konsequente Absage, indem es vielfältige Quellen aufgreift, die der rechtsliberalen Auslegung des Konservatismus eine sozialpatriotische gegenüberstellen, von solchen der klassischen Konservativen Revolution bis hin zu jenen der Gegenwart, wie etwa den wichtigen und inspirierenden Arbeiten des Sezession-Redakteurs und Politikwissenschaftlers Benedikt Kaiser (ab S. 133) oder des Gründers des Jungeuropa-Verlags, Philip Stein (ab S. 100). In diesem Zusammenhang weist der Autor auch auf einen in Deutschland selbst in den Kreisen der Neuen Rechten allzu oft ignorierten Aspekt der linksliberal-globalistischen Politik der offenen Grenzen und der Masseneinwanderung hin, nämlich auf die Motivation des Kapitals dabei, die Löhne zu drücken und einen globalisierten freien Markt weiter zu implementieren (S. 134). Eine solche kritische Thematisierung jener Allianz von Kapitalismus und Linksliberalismus würde man sich in konservativen Kreisen häufiger wünschen.

Es versteht sich mehr oder weniger von selbst, dass sich bei einer so verhältnismäßig akribischen Darstellung, wie sie Markovics abliefert, für den Leser – und den Rezensenten – auch Reibungspunkte und somit Diskussionsbedarfe auftun. So ist etwa im Kapitel über den Aufstieg der französischen Neuen Rechten (ab S. 23) vom „Antiintellektualismus der Alten Rechten“ (S. 24) die Rede, was befremdet. Nun ist der Begriff der Alten Rechten letztlich genauso ausfüllungsbedürftig und vielfältig definiert wie der der Neuen Rechten, allerdings ist gerade deswegen eine solche Aussage problematisch. Die Vertreter der klassischen Konservativen Revolution zu Zeiten der Weimarer Republik beeinflussten immerhin auch die Alte Rechte, womit auch hier eine Art intellektuelle Unterfütterung und somit kein genereller Antiintellektualismus vorzufinden war.

Ethnopluralismus und Nationalismus

Kurz darauf ist von einer Ablehnung des „Nationalismus [der Alten Rechten]“ (S. 24f.) die Rede – eine Formulierung, die aufgrund der nicht minder vielfältigen Konnotation des Begriffes „Nationalismus“ auch nicht unproblematisch ist. Heute dient er dem Mainstream primär als negativ konnotierter Abgrenzungsbegriff, hatte aber vor nicht allzu langer Zeit als sogenannter „Befreiungsnationalismus“ selbst in linken Kreisen, auf die sich etwa auch ein Alain de Benoist beruft, noch eine positive Konnotation, die in der Neuen Rechten aber durch das Konzept des Ethnopluralismus (s. Kapitel ab S. 33) ergänzt wurde, welches den Erhalt der Vielfalt der Völker zum Ziel hat. Die Diagnose müsste somit also eigentlich komplexer und differenzierter ausfallen, denn nimmt man etwa ein nüchternes, ohne emotionale Affekte auskommendes Begriffsverständnis zur Grundlage, welches mit „Nationalismus“ zunächst einmal nichts anderes als die Befürwortung der Nation bzw. des Nationalstaates als zu bewahrender politischer Einheit assoziiert, so ist dieser gewiss noch nichts, was in der Neuen Rechten nicht vorzufinden wäre, im Gegenteil. Stattdessen dürften in dieser wohl eher jene Konzepte, welche einen europäischen Superstaat anstreben, in der klaren Minderheit sein.

Fallen die Begriffe Ethnopluralismus und Befreiungsnationalismus, darf auch die Erwähnung Henning Eichbergs nicht fehlen: Dessen Ansatz, welcher sich ab Ende der 70er Jahre vor allem in der kürzlich wiederbelebten Zeitschrift Wir selbst niedergeschlagen hat, bildet bis heute einen besonders innovativen Beitrag zur Theoriebildung der Neuen Rechten, die insbesondere dank Eichberg nicht nur einen philosophischen, historischen oder politikwissenschaftlichen, sondern eben vor allem auch einen soziologischen Einschlag erfuhr. Das tat der Neuen Rechten gut, da sie auf diese Weise ein Verständnis für die Generierung von kollektiven Identitäten und Kultur sowie ein Problembewusstsein für imperialistisch-zersetzende Einflüsse auf diese entwickelte, wie sie bis 1990 von der Sowjetunion ausging und bis heute vom US-Kapitalismus und -Neoliberalismus ausgeht. Unverständlicherweise wird dann allerdings auch die andernorts immer mal wieder aufkommende Behauptung verbreitet, Eichberg habe später „einen Wandel nach links“ (S. 34) vollzogen, der aber vor dem Hintergrund dessen, was wir heutzutage als „links“ verstehen, bestenfalls parteipolitisch verstanden werden kann (Eichberg, der in Dänemark eine Professur für Kultur- und Sportsoziologie erhielt, trat dort der Sozialistischen Volkspartei bei, schrieb aber dennoch etwa für das Wir-selbst-Nachfolgemagazin Volkslust).

Differenzialistischer Antirassismus und Ökologie

Im Kontext des Ethnopluralismus-Begriffes versäumt es Markovics angenehmerweise auch nicht, dem heutzutage üblichen, globalistisch-linksliberalen Framing des Begriffes Rassismus mit einem klugen Re-Framing zu begegnen, das auf Alain de Benoist zurückgeht. So begreift dieser das homogenisierende Einebnen der Unterschiede zwischen den Völkern, wie es die universalistischen Globalisten beabsichtigen, als den eigentlichen Rassismus, weil er den Ethnien ihr Existenzrecht, ihr „Recht auf Differenz“ abspricht, und setzt diesem einen „differenzialistischen Antirassismus“ (S. 35) entgegen, der ihre Identität respektiert und bewahren möchte.

Ein weiterer inhaltlicher Akzent, dessen Einbringung als nicht relevant genug eingeschätzt werden kann und auch vom Autor nicht gescheut wird (ab S. 55), ist der der Ökologie und der Grenzen des (kapitalistischen) Wachstums. Dieser Punkt ist gerade auch für die Neue Rechte in Deutschland relevant: In Zeiten einer ökologisch bewegten Jugend muss diese auch ein umweltpolitisches Angebot machen, aus prinzipiellen und idealistischen Gründen genauso wie aus strategischen, um nicht weiter der globalistischen Linken bzw. den linksliberalen Grünen dieses Feld zu überlassen, welches mehr als so manch andere geeignet ist, ein Lebensgefühl zu transportieren – also das, was politische Mobilisierung im großen Maßstab eigentlich erst ermöglicht.

Ein inhaltlicher Patzer

Im Zuge der Darstellung der Gedanken der klassischen Konservativen Revolution macht sich ein Problem bemerkbar. So äußert Markovics mit Blick auf die Theorie Carl Schmitts, dessen berühmt gewordener Begriff des Politischen (nicht das gleichnamige Buch, sondern das darin enthaltene Konzept des Politischen selbst) habe eine rein deskriptive Funktion und wolle damit weder einer Position das Wort reden noch ein soziales Ideal präsentieren (S. 71). Diese Einschätzung geht allzu sehr dem – in der Rechtswissenschaft ebenso wie in der Soziologie und in der Politikwissenschaft – üblichen Theorie-Jargon auf den Leim, durch welchen der jeweilige Leser nicht selten das normative Potenzial der betreffenden Ausführungen unterschätzt.

Schmitts Begriff des Politischen war alles andere als rein beschreibend, sondern in erheblicher Form (!) normativ und in sich selbst politisch, eine politische Selbstbeschreibung im Sinne Niklas Luhmanns. So skizzierte Schmitt doch ein politisches und im Ergebnis auch gesellschaftliches Ideal, mit welchem er bewusst – und eigentlich recht offen erkennbar – gegen die vom Liberalismus ausgehende Entpolitisierung anschrieb, wie Markovics selbst später knapp ausführt (S. 72). Dies hätte der Autor besser wissen müssen.

Dugin und die „Vierte Politische Theorie“

Markovics‘ Wissen über Dugins Ansatz hingegen dürfte wohl, wie seine Tätigkeit zeigt, das der meisten anderen (inklusive des Rezensenten) in den Schatten stellen, wie er im entsprechenden Kapitel (ab S. 76) und darüber hinaus beweist. Hier hätte man sich allerdings dann doch mal eine kritischere Distanz gewünscht: Abseits von teils arg futuristischer Kaffeesatzleserei, die man bei Dugin zuweilen vorfindet, wenn er meint, das Auftauchen einer posthumanen Spezies in Form Künstlicher Intelligenzen auf 2045 datieren zu können (S. 92) und die angesichts der soziologischen Komplexität und Kontingenz gesellschaftlicher und globaler Entwicklung allzu sehr nach einem postmodernen Nostradamus klingt, wäre hier insbesondere von Interesse gewesen, wie berechtigt Dugins Etikett einer explizit „Vierten“ Politischen Theorie überhaupt ist – oder ob es sich nicht lediglich um eine spezielle Akzentuierung eines Dritten Weges handelt, wie er auch schon von anderen (neurechten!) Autoren vertreten wurde.

Aber nun ja: Werke mit – wenn auch selbstgesetztem – Alleinstellungsmerkmal wirken eben innovativer, frischer, neuer und somit lesenswerter. So klug Dugins Diagnosen und seine Theorie auch sind, so sehr wirkt doch die „Vier“ im Namen selbiger wie ein Marketing-Trick. Eine reflektiertere Abhandlung darüber hätte Fragen wie diese kritisch aufgreifen, sich mental von ihrem Beobachtungs- und Untersuchungsgegenstand lösen müssen, jedenfalls zeitweilig. Doch an eben dieser Beobachtung zweiter Ordnung (Luhmann) fehlt es hier leider.

Begriffsverhältnisse: Nation, Reich, Imperium

Die gleiche Problematik wird auch in anderen Kapiteln sichtbar, etwa wenn Markovics orientiert an Alain de Benoist dem Nationalstaat die „Reichsidee“ gegenüberstellt (ab S. 60), was jedoch allzu sehr nach einer künstlichen Differenzierung klingt, die geschichtlich gesehen oft genug nicht existent war. Selbst die Weimarer Republik begriff sich selbst zugleich als Reich und als Nationalstaat, und oft genug war beides schlicht identisch. Die eigentlich relevante Differenz scheint eher im Begriffspaar „Reich“ versus „Imperium“ zu liegen, in der sich die Differenz zwischen einem fest begrenzten, von einem Volk bewohnten Territorium einerseits und einer hegemonialen, erobernden und kolonisierenden, Völker assimilierenden Macht andererseits ausdrückt – eine Problematik, welche bei der Beleuchtung der Frage aber gänzlich hintenüberfällt.

Exzerpt-Sammlung und Lehrbuch-Charakter

In diesem Punkt wiederum drückt sich leider ein sehr grundlegendes Problem des vorliegenden Buches aus: Der Autor verzichtet fast gänzlich auf spürbare eigene Reflexionen zum von ihm beschriebenen Gegenstand. Die einzelnen Kapitel lesen sich wie – wenn auch mit „sehr gut“ bewertete – studentische Exzerpte der großen neurechten Grundlagenwerke der Vergangenheit und der Gegenwart, womit das Buch auf den Charakter einer – wenn auch akribischen und durch massive Fleißarbeit zustande gekommenen – Exzerpt-Sammlung reduziert werden muss. Das ist, angesichts der oben dargelegten Kritikpunkte, bedauerlich, denn eine eigene Bewertung und Stellungnahme des Autors wäre hier gewiss interessant gewesen. Dadurch und – nicht zuletzt – durch die viel zu geringe Schriftgröße gestaltet sich die Lektüre des Buches stellenweise als ein recht langatmiges Unterfangen: Die Konjunktiv-Form, die beim Zusammenfassen der Ideen anderer verwendet wird, zieht sich durch das ganze Buch. Durch das weitgehende Fehlen signifikanter eigener Bewertungen und Konklusionen fehlt allzu oft auch ein roter Faden, der die verschiedenen Exzerpte sinnmäßig miteinander verbindet, wodurch der Leser teils recht plump von einem ins nächste Kapitel „geschleudert“ wird und sich fragt, wieso der Aufbau und die Reihenfolge nun so sind und nicht anders.

Festzuhalten bleibt: Eine relevante politisch-theoretische Eigenleistung enthält das Buch bedauerlicherweise nicht. Eher hat es eine Art Lehrbuch-Charakter: Insbesondere für jene, die gerade erst beginnen, die reichhaltige Gedankenwelt der Neuen Rechten zu erkunden, werden hier lange schmökern und viel neues erfahren können – übrigens durchaus auch, einem Lehrbuch entsprechend, verständlich erklärt und ohne allzu verschachtelte oder blumige Satzbauten. Könnte ich eine Verwendung empfehlen, so würde ich das Buch bei den Akademien des Instituts für Staatspolitik und bei JA-Veranstaltungen als Informationswerk für die jungen, frischen Geister, die nach großen Ideen und Entwürfen lechzen, auslegen. Über diese informiert Markovics (vom Schmitt-Patzer abgesehen) gekonnt, umfassend und präzise.

 

„Der Aufstieg der Neuen Rechten“ von Alexander Markovics erschien 2020 im Arcadi-Verlag.

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW sowie Kreisvorsitzender der AfD Bielefeld und Mitglied des Rates der Stadt Bielefeld. Er schrieb u. a. für 'Le Bohémien', 'Rubikon', 'Linke Zeitung', den 'Jungeuropa'-Blog und 'PI News', ist inzwischen Autor für 'Arcadi', 'Sezession', 'Glauben und Wirken', 'Wir selbst' und 'Konflikt' und betreibt den Theorieblog 'konservative revolution'.

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