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Menschen

Das Leid in den Augen

Eine Alltagsanekdote.

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Ich befinde mich an der Bielefelder U-Bahn-Haltestelle Jahnplatz, auf dem Rückweg von einem Termin in der Stadt nach Hause. Die Haltestelle ist wie sonst auch gut frequentiert: Es ist Freitagnachmittag im Sommer, die Temperatur draußen liegt bei 28 °C. Dementsprechend sieht das Bild aus, das sich einem bietet: Viele „Normalos“, ein paar wenige Senioren, natürlich mehrere Kinder. Dominiert wird das Bild jedoch durch Jugendliche und Heranwachsende um die Zwanzig. Bis oben hin mit Testosteron angefüllte junge Männer, die rufen, gröhlen, lachen, sich ständig nach allen Seiten hin umschauen. Besonders schauen sie gleichaltrigen Frauen hinterher, die angesichts der Temperaturen viel Haut zeigen. Manche jungen Männer stehen wohl kurz vorm Sabbern – bzw. tun es vielleicht schon. Genau weiß man es nicht: Die Gesichtsmaskenpflicht im Seuchenland NRW, in der Nachbarstadt des „Hot Spots“ Gütersloh, sorgt zuverlässig dafür, dass man zumindest diesen Teil der männertypischen Entwürdigung nicht zu sehen bekommt.

Ich nehme all das wie immer sozialwissenschaftlich interessiert, aber nicht besonders überrascht zur Kenntnis, da es sich um diese Jahreszeit und an diesem Ort um ein normales Geschehen handelt. Doch da bietet sich mir ein Bild, das meine Aufmerksamkeit mehr erregt. Zwar ist auch auch dieses Bild erst einmal kein Ungewöhnliches: Ein älterer Mann geht mit einer Tasche umher und schaut in die Mülleimer, Pfandflaschen suchend. Auch das sieht man öfter, und obwohl es auf politisch-abstrakter Ebene immer wieder meinen Ärger über die Umstände, die Menschen in solche Situationen bringen, erregt, habe auch ich mich an den Anblick eigentlich so gewöhnt, dass ich ihn manchmal, so muss ich gestehen, auch kaum noch bemerke, wie wohl die meisten von uns.

Doch diesmal ist es anders. Ich sehe nämlich kurz seinen Blick. Er schweift kurz umher, nachdem in dem Mülleimer, in den er geschaut hatte, offenbar nichts Nützliches für ihn zu finden war. Er befindet sich bei alldem zwischen einer dieser testosterongefüllten Jugendgruppen, die ihn dabei aber gar nicht bemerken. Sie gröhlen und rufen an ihm vorbei, über ihn hinweg, durch ihn hindurch. Als wäre er Luft. Er aber bemerkt sie, und langsam begreife ich, was er da gerade tut: Er hält inne. Aus Scham zögert er, weiter in den Eimer zu schauen, weil diese Jugendlichen kurz um ihn sind. Als sie weitergegangen sind, schaut er ihnen kurz danach. Ich sehe wieder diesen Blick, und das, was er widerspiegelt: Geplagtheit. Leid. Scham. Unsicherheit. Was muss er fühlen, in dieser Situation, in dieser Demütigung, als älterer Mann in dieser Lage zwischen all diesen hormongesteuerten jungen Männern, die sich zumindest derzeit wohl keine Gedanken machen müssen darüber, wie ihre Zukunft aussehen wird – im Gegensatz zu ihm?

Als die jungen Männer weitergangen sind, schaut er wieder in den Eimer. Ich schaue weg, selbst peinlich berührt, dass ich diesen emotional intimen Moment mitbekommen habe. Eines aber weiß ich: Dass ich diesen geplagten Blick wohl so schnell nicht wieder vergessen werde. Er begleitet mich auf der Fahrt nach Hause.

Florian Sander ist Soziologe und Politikwissenschaftler. Er ist Mitglied der Landesprogrammkommission und des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW sowie Kreisvorsitzender und aktuell Oberbürgermeisterkandidat der AfD Bielefeld. Er schrieb u. a. für 'Le Bohémien', 'Rubikon' und 'Linke Zeitung', ist inzwischen Autor für 'Arcadi', die 'Sezession', den 'Jungeuropa'-Blog, 'Glauben und Wirken' und 'Wir selbst' und betreibt den Theorieblog 'konservative revolution.'.

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