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Bücher

Björn Höcke – Nationalromantiker und Antikapitalist

Rezension zum Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ von Björn Höcke / Sebastian Hennig

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Der „bad boy“ der „bad boys“. So ungefähr müsste man Björn Höcke beschreiben, richtet man sich nach dem Bild, das von ihm in den Massenmedien präsentiert wird. Der ohnehin schon vom Establishment verhassten AfD steht in Thüringen als Landessprecher ein Mann vor, der als bekanntester Exponent des rechten „Flügels“ der Partei gilt; zugleich ist er Vorsitzender der Landtagsfraktion der Partei. Der Verfassungsschutz (VS) hat ihn seit neuestem ganz besonders im Fokus; seine Name schmückt das entsprechende Gutachten, das zur (rechtswidrigen) öffentlichen Einstufung der AfD als „Prüffall“ und der JA und des „Flügels“ als „Verdachtsfälle“ geführt hat, am häufigsten. Doch nicht erst seit der berüchtigten Pressekonferenz des VS hierzu polarisiert Höcke – bereits seine „Dresdener Rede“ 2017, in der es u. a. um die deutsche Erinnerungspolitik ging, bewegte nach der einseitigen Berichterstattung darüber die Gemüter.

Hierauf reagierend, haben Höcke und der Autor Sebastian Hennig (u. a. Junge Freiheit) im Rahmen der Buchreihe „Politische Bühne. Originalton“ ein umfassendes Interview in Buchform abgeliefert, im Rahmen dessen Hennig Höcke chronologisch-biografisch befragt. Dabei werden zahlreiche Themen des politischen Lebens gestreift und vertieft – tages- und parteipolitische ebenso wie grundsätzliche Fragen der Politischen Theorie und Philosophie. Ein Streifzug, der in beeindruckender Weise nicht nur das Reflexionsvermögen des bei manchen so verhassten Politikers zeigt, sondern auch einen Intellekt und Schöngeist, den man sich bei so manchem, der in den Massenmedien (freilich ohne je mit Höcke gesprochen zu haben) Schmutz über dem rechten Rebellen ausgießt, vergeblich wünscht.

Nationale Romantik

Alexander Gauland nannte den jüngeren Parteifreund einmal in väterlichem Duktus einen „Nationalromantiker“. Und in der Tat springt einem bei der Lektüre des Buches nicht das Bild eines Fäuste schwingenden, aggressiven und lauten Krawallbruders entgegen. Stattdessen liest man messerscharfe Analysen, die zuweilen von einem romantischen Schwärmen für Deutschland und seine – eben reichhaltige – Geschichte, seine Kultur und seine Philosophen unterbrochen werden – stets ausgewogen im Ton, abwägend, diplomatisch, bedacht, auf hohem sprachlichen Niveau. Nichts zu sehen von dem „Brandstifter“, den so mancher Redakteur im selbstgenähten Richtergewand aus ihm machen möchte. Stattdessen ein – zuweilen etwas altmodisch, aber vertrauenswürdig erscheinender – Oberstudienrat, den es in die Politik verschlagen hat, weniger weil er wollte, sondern weil er musste. Ein Gelehrter, dessen intellektuelle Schärfe das geifernde Gezeter einer jeden Antifa-Gruppierung dutzendfach übertreffen dürfte.

Und doch bleibt Höcke bei all den intellektuellen Analysen nicht bei einer kalten, nüchternen Bestandsaufnahme stehen: Stets schwingt eben jene „Nationalromantik“ mit, die gefühlsmäßige Bindung an das eigene Land und Volk, die so innig ist, dass sie sich niemandem mehr zu erklären braucht, dass sie dem rationalen Rechtfertigungszwang, den die Moderne heutzutage politischen (und abstruser Weise auch religiösen) Überzeugungen aufzuoktroyieren versucht, mit dem gelassenen, überlegenen Lächeln eines Menschen begegnet, der von seiner eigenen Identität im Gegensatz zu so vielen anderen nicht entfremdet ist. Wir wissen: Identität ist immer gefühlsmäßig, „vom Bauche ausgehend“, notgedrungen irrational. Eine Einsicht, die in Zeiten eines ausschließlichen und durchrationalisierten „Verfassungspatriotismus“, wie ihn sich der linksliberale Philosoph Jürgen Habermas wünscht, leider allzu oft vergessen wird. Höcke, der diesem nur eine geringe Bindewirkung attestiert (S. 125), hat sie nicht vergessen. Übrigens, ehe an dieser Stelle nun wieder die übliche Verdächtigung aus dem Hut gezaubert wird: Ein Plädoyer gegen einen reinen „Verfassungspatriotismus“ – der aber eben kein Patriotismus ist, weil er die darüber liegende politische Einheit, also die Nation, austauschbar macht; Rationalität kennt eben keine gefühlsmäßige Bindung – ist kein Plädoyer gegen die Verfassung. Vielmehr wird hiermit zum Ausdruck gebracht, dass sie als Identifikationsgrundlage zum „Deutschsein“ nicht ausreicht.

Kritik an Rationalisierung und Materialismus

Die tiefe Antipathie gegen einen technokratischen, alles entmystifizierenden, rationalistischen Liberalismus hat Höckes nicht nur politische, sondern auch philosophische Sozialisation geprägt: „Bei der Lektüre Heideggers fand ich auch meinen tief empfundenen Antimaterialismus bestätigt. Aus materialistischen Ideologien können keine tragfähigen Ordnungsideen abgeleitet werden, sondern nur technokratische Gebilde, die Anfang des 21. Jahrhunderts nur noch mühselig mit Brot, Spielen, Manipulation und subtiler bis roher Unterdrückung zusammengehalten werden können“ (S. 78). Auch von Nietzsche-Lektüre und den Grundgedanken des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart wurde der spätere Geschichtslehrer Höcke inspiriert (S. 72 f.) – wohl weitere Schritte auf dem Weg hin zum „intellektuell reflektierten Romantiker“.

Die von Max Weber diagnostizierte „Entzauberung der Welt“, die mit Modernisierung, Rationalismus und Liberalismus einhergeht, ist für Höcke keine positive Entwicklung, sondern mache die Welt für viele Menschen zu einem unangenehmeren Ort, in dem Freiheit mit „ungestörtem Fressen“ gleichgesetzt wird: „Ein reines Technokratentum wird jedoch nie die inneren Kräfte der Menschen freisetzen, die wir für die grundlegende Erneuerung unseres Landes brauchen. Die Menschen werden von anderen Motiven bewegt“ (S. 162). Nicht verwunderlich, dass solche Worte auf die regierenden Technokraten, die sich nur auf technokratische Argumente berufen können, bedrohlich wirken müssen. Und doch bleiben sie wahr: Menschen sind keine Roboter. Menschen sind auch nicht nur Konsumenten. Menschsein bedeutet eben umfassende, auch irrationale Existenz. Was Briten, Franzosen, Spanier, Italiener und die meisten anderen Völker wie selbstverständlich leben, fehlt uns Deutschen: Ein positives „nationales Lebensgefühl“.

Oder wie Höcke sagt: Es geht um den „Anspruch, der kalten funktionalen Welt eine Seele einzuhauchen, indem wir wieder beginnen, die faszinierenden Dinge hinter den Dingen zu entdecken. Es geht nicht nur darum, ein Gemeinwesen gut zu organisieren. Es geht auch um die Wiederverzauberung der Welt“ (S. 163). Eine bemerkenswerte Einsicht, die Politiker anderer Parteien bislang weder realisiert haben noch wohl überhaupt intellektuell erfassen und verstehen würden. Und dabei so wahr: Die regierenden Technokraten gleichen in ihrem Umgang mit dem Volk einem Psychotherapeuten, der einen Patienten, der an Identitätsproblemen leidet, zu McDonald’s schickt, um ihn dort über magenfüllendes Fast Food kurzfristiger Zufriedenheit zuzuführen. Der Konsum als Opium eines von sich selbst entfremdeten Volkes.

Gesunde Radikalität

So wenig man Höcke als Extremist bezeichnen kann, so sehr ist er doch ein Befürworter von Radikalität im positiven Sinne des Wortes, welches sich aus dem lateinischen „radix“ (= Wurzel) ableitet und „für tiefes, grundsätzliches und gründliches Denken steht. Radikalität kann ein Ausdruck von ausgeprägtem Differenzierungsvermögen sein, das für den Erwachsenen, besonders wenn er in politischer Verantwortung steht, eine Notwendigkeit ist. Politische Entscheidungsträger sollten sich gedanklicher Tiefe nicht verweigern. Politik ohne letzten Grund wird flach und armselig. Da hilft dann auch keine verbale Kraftmeierei, um den inhaltlich lauen Lüftchen eine tiefenbewußte Note zu verleihen“ (S. 144). Gründlichkeit im Denken, logisches Zu-Ende-Denken, Verankerung in politischer Theorie – eine weitere Kompetenz, die man bei den meisten Politikern heutzutage vermisst und die allenfalls eine Intellektuelle wie Sahra Wagenknecht noch aufbietet.

Und doch, trotz aller Radikalität, bringt der Vielgeschmähte seinen teils hasserfüllten politischen Gegner noch die Nachsicht des professionellen Pädagogen entgegen: Man solle die deutsche Linke für ihr größtenteils gestörtes Verhältnis zum eigenen Volk nicht verdammen, sagt Höcke, sondern ihr auf dem Weg zur Versöhnung, zur „Selbstbefreundung“ helfen: „Das fordert viel von uns ab: Nachsicht gegenüber Unnachsichtigen, Verständnis gegenüber Unverständigen, Vergeben gegenüber Unnachgiebigen“ (S. 135). Undemokratische Haltung sieht anders aus.

Trotzdem fehlt es hier nicht an politischem Selbstbewusstsein – ein Selbstbewusstsein, dass sich der Thüringer öfters auch von eigenen Parteifreunden wünschen würde: „Jeden Anflug von Rechtfertigung sollten wir unterdrücken, denn unsere politischen Positionen sind völlig normal und vernünftig, da können sie noch so laut „rechtsextrem“ oder „rassistisch“ schreien. Wir brauchen uns für nichts zu rechtfertigen – schon gar nicht vor den Zerstörern unseres Landes“ (S. 222). In der Tat: Wer sich rechtfertigt, agiert defensiv, lässt sich – zumeist unbewusst – in die Rolle eines politischen Angeklagten drängen. Doch diese Rolle muss kein AfD-Mitglied annehmen, im Gegenteil: In einer Demokratie sind es die Regierenden, die sich für ihre Handlungen zu rechtfertigen haben, nicht die Opposition. Eine Einsicht, die über das massenmediale Tribunal, vor das die AfD zuweilen gezerrt werden soll, das aber die Parteien des Establishments wohlwollend ausspart, allzu häufig vergessen wird.

Antikapitalismus und Sozialpatriotismus

Doch Höcke ist nicht nur Romantiker, sondern auch etwas, was ihm manche vielleicht nicht zugetraut hätten, ja ihm vielleicht sogar noch übler nehmen: Antikapitalist. Globalistische und neoliberale Interessen gehen für ihn Hand in Hand, und so sieht er die Eliten in einer unheiligen Allianz, die versucht, freien Warenverkehr und Freihandel mit der globalen Freizügigkeit von Menschen und offenen Grenzen zu verbinden, auf dem schleichenden Weg zur Entstaatlichung durch Globalisierung. Der Linken wirft er zu Recht vor, dies auszublenden: „Es ist ein absoluter geistig-moralischer Tiefpunkt der Linken, sich als Hilfskräfte des Globalkapitals anzudienen und dabei die eigentliche Klientel – die deutschen Arbeiter und die sozial Schwachen – schmählich im Stich zu lassen“ (S. 243).

Dabei sieht er gerade aufgrund dieser unheiligen Allianz eigentlich große Gemeinsamkeiten mit der Linken: „Unsere politische Forderung gegen Lohndumping, den Abbau sozialer Standards und die Benachteiligung der deutschen Hilfs- und Sozialbedürftigen gegenüber den Migranten, sowie unsere grundsätzliche Kritik an Raubtierkapitalismus und Globalisierung, die Verständigung mit Rußland usw.“ (S. 249). Höcke bekennt sich zum Antikapitalismus, denn „ein ungebändigter Kapitalismus fördert nicht nur die Gier, sondern zerstört neben dem sozialen Zusammenhalt langfristig auch die Völker und Nationen“ (S. 250). Eine wichtige Erkenntnis, die sich angenehm von früheren wirtschaftsliberalen Tendenzen der AfD absetzt und die Grundlinie des von Höcke vorgeschlagenen „solidarischen Patriotismus“ deutlich macht.

Konsequenterweise hat der Thüringer Landeschef dann auch keine Angst, über den parteipolitischen Tellerrand zu schauen, um sich Inspirationen für die wirtschaftspolitische Ausrichtung seiner Partei zu holen. So empfiehlt er der AfD u. a. auch Sahra Wagenknechts Bücher „Reichtum ohne Gier“ und „Couragiert gegen den Strom“ (man könnte hier noch ihr Werk „Freiheit statt Kapitalismus“ hinzufügen) als Ideengeber zur Entwicklung einer alternativen Wirtschaftsordnung (S. 245).

Überhaupt scheint der Mann, der nie zweimal im selben Fluss schwimmen will, wie eine Art politisches Spiegelbild Wagenknechts zu sein: Zwar, parteipolitisch gesehen, auf der anderen Seite des Spektrums angesiedelt, und doch in vielerlei Hinsicht so ähnlich; nicht nur, was die gleichzeitige Befürwortung sozialer Ausrichtung und den Erhalt des Nationalstaates und seiner Grenzen angeht, sondern auch hinsichtlich der Rolle in der eigenen Partei: Der langjährigen Frontfrau der Kommunistischen Plattform in der Linkspartei steht der wichtigste Vertreter des Flügel-Netzwerkes gegenüber – beide Intellektuelle, beide radikale Denker, die politische Fragen logisch bis zum Ende denken, die zuweilen auch querdenken und keine Angst haben, sich bei wichtigen Fragen auch mal in der eigenen Partei unbeliebt zu machen, beide so weit, dass sie schon einmal aus ihrer jeweiligen Partei geworfen werden sollten. Man ahnt, wieso das vorliegende Buch vom Aufbau her dem Interview-Buch „Couragiert gegen den Strom“ so ähnelt, in dem Sahra Wagenknecht gleichermaßen biografisch wie politisch befragt wird. Doch diese Ähnlichkeit im Aufbau tut der Qualität auch des vorliegenden Buches keinen Abbruch, im Gegenteil – lernt man doch Facetten von einem Politiker kennen, die man wenigstens aus den etablierten Medien so niemals zu sehen bekommen wird.

Das Politische wiederherstellen

Gegen Ende des Buches schließt sich der Kreis, zurück zur Politischen Theorie. Hier sind wir nun bei Carl Schmitt angekommen, jenem Staatsrechtler, der wie kein anderer den „Begriff des Politischen“ geprägt hat, indem er ihn als die Unterscheidung von Freund und Feind aufschlüsselte. Nach Höcke ist genau dies jener Akt, den die deutschen Regierungen wieder lernen müssen: „Schaden von unserem Volk abzuwenden und dessen Nutzen zu mehren. Wer ist Freund, wer ist Feind? Freund ist, wer den Interessen der Nation dient, Feind ist, wer diesen entgegensteht – festgemacht ganz im Sinne des politischen Begriffs von Carl Schmitt, also ohne jeden Haß und Ressentiments“ (S. 274). Ein weiterer Fingerzeig für all jene, die nicht müde werden, Höcke und der AfD die Förderung von Hass und Gewalt vorzuwerfen.

Dass dieser Mann, Björn Höcke, kein Agitator des Hasses und der niederen menschlichen Instinkte ist, sondern ein Intellektueller mit einer Vision; das macht dieses Buch klar wie bisher sonst kein anderes Porträt dieses so umstrittenen Politikers. Und doch sollte dieses authentische Bekenntnis zur Zivilisation und sozialen Werten nicht mit fehlender Konsequenz gegenüber den zahlreichen Fehlentwicklungen verwechselt werden, die mit der Modernisierung unserer Gesellschaft einhergingen: „Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen. Dann werden die Schutthalden der Moderne beseitigt, denn die größten Probleme von heute sind ihr anzulasten“ (S. 258). Klare Worte, einem klaren Geist entsprungen.

 

„Nie zweimal in denselben Fluss“ von Björn Höcke und Sebastian Hennig erschien 2018 als Teil der Buchreihe „Politische Bühne. Originalton“ im Manuscriptum Verlag.

Florian Sander ist Politikwissenschaftler und Soziologe. Außerdem ist er Mitglied der Landesprogrammkommission sowie des Landesfachausschusses Außen- und Sicherheitspolitik der AfD NRW. Er schrieb u. a. für Le Bohémien und Rubikon und betreibt auf http://konservative-revolution.blogspot.com seinen eigenen Blog.

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