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Politik

„Asche riechen“ – 2. Platz des Jungautoren-Wettbewerbs

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Wie aufregend der Moment ist, an dem die Karten neu gemischt werden und das nächste Blatt das Beste sein könnte – Chaos, wie sehr ich das liebe! Diese Gedanken fahren mir durch den Kopf, als ich meine Augen über die Zeilen der Zeitung gleiten lasse. Vom Brexit kann man da lesen. Den Wählern würde es genügen, wenn er das alte System zum Einsturz bringen würde, heißt es da über Farage. Dem Autoren des liberalen Blattes scheint dies eine furchtbare Vorstellung zu sein. Aber ist es nicht verständlich, darauf zu warten, dass die Karten neu gemischt werden, sobald man erkannt hat, dass man mit dem Blatt in der Hand keinen Stich machen wird?

 

Ich hebe meinen Blick aus der Zeitung und lasse ihn durch das sterile und doch vertraut wirkende Zugabteil wandern. „Erst nachdem wir alles verloren haben, haben wir die Freiheit, alles zu tun.“ Der zufällig aufkommende Gedanke an das Zitat lässt mich lächeln, derlei Worte klingen inzwischen wie Binsenweisheiten für mich. Autoren und andere Vertreter des Alten Europas argumentieren freilich, „niemand“ hätte etwas verloren – das Gefallen am Chaos sei ein Spiel mit dem Feuer, bei dem hinterher nichts mehr übrigbliebe, was man besessen hatte. Das ist Metaphysik, nach Aristoteles diejenigen Bücher, die hinter seinen Werken zur Physik im Regal stehen: An diesem Punkt verlässt die gedankliche Diskussion den Raum der Wirtschaftszahlen, EU-Normen und Politik-Zänkereien. Was folgt, liegt hinter dem, um was sich die Schreiberlinge und Farage-Unterstützer – ganz gleich – streiten.

 

Den Blick auf die schnell vorbeiziehende Landschaft werfend, überlege ich, was „des Pudels Kern“ wohl sein mag. Für einen kurzen Moment habe ich mir wohl eingebildet, die Antwort zu wissen. Einfacher zu sagen ist es wahrscheinlich, was unwichtiger Natur ist: Streitfragen über Wirtschaft und Währung sind es sicherlich, über die Union als Ganzes auf jeden Fall und ich bin überzeugt, dass auch die Frage über Kultur absolut nebensächlich, wenn nicht sogar hinderlich ist. Wenn ich an die großen Leistungen der Kultur denke, an die Kathedralen, Schriften und Denkmäler, dann empfinde ich sie als Ausdruck eines Geistes- und Gefühlszustand. Nichts Reproduzierbares. Zumindest nicht im aktuellen Geistes- und Gefühlszustand dieser, naja, Kultur. Darf man dies also auf’s Spiel setzen?

 

Wieder blicke ich aus dem Fenster, dieses Mal konzentrierter und ich kann die Landschaft zuordnen. Ich weiß, wo ich bin, es ist meine Heimat. Weiche Hügel und kleine Tannenwälder bestimmen das Bild, welches sich mir bietet. Unverkennbar für jemanden von hier. Stände ich unter freiem Himmel, könnt‘ ich’s riechen. So riecht nichts anderes.

 

Ich glaube, vielerorts hat sich der Gedanke bereits festgesetzt, dass beide Seiten in diesem Konflikt um das Herz Europas falschliegen könnten. „Nationalismus oder Zukunft“ heißt es auf einem der unzähligen Plakate an den Straßen. Im Gedanken an die EU-Wahl, aber auch an die Zukunft Europas widern mich Floskeln wie „Europa der Vaterländer“, „Europa der Freiheit“ und die „Miteinander“-Phrasen der Gegenseite an. Im gleichen Moment wie der Ekel kommt mir aber auch der Begriff des Herzlandes Europa in den Sinn, der mir erst letztens bei einem Vortrag wieder ins Gedächtnis gerufen wurde. Herzland, völlig losgelöst von seiner geopolitischen Dimension, das ist ein Ort fernab von bürokratischem Kalkül. Home is where your heart is würde die Wandtattoo-Generation vielleicht sagen. Einfältig vielleicht, aber nicht ganz unwahr. Herzland Europa ist der Eisberg, von dem wir nur die Spitze sehen und nur erahnen können, wieviel sich noch unter der Oberfläche verbirgt. Genauso verhält es sich meiner Meinung nach mit unserem Schicksal Europa: Über dem Wasser ragt noch ein mickriger, abgeschmolzener Rest, der vielen aber schon als Kultur- oder Identitätssubstitut reicht, darunter aber schließt ein Fundament an, das von keinem erfasst wird, der nur die Spitze des Eisbergs über dem Wasserspiegel sehen möchte.

 

Das veranlasst mich zu glauben, dass die jüngsten Auswüchse aus diesem Meer die unwichtigsten sind. Mein Blick wandert zurück auf die vor mir aufgeschlagene Zeitung und zu dem Autoren, der das Chaos fürchtet. Ist das nicht nur verständlich? Ich meine, Ballast abzuwerfen, loszuwerden, was hinderlich geworden ist. Die alte Ordnung einzuäschern mit all ihren Werten und ihrer kaputten Moral ist vielen schon zu viel. Ordnung um ihrer selbst willen, welch wahrhaft konservierender Wert. Das Wort „Wert“ ärgert mich. Würde man mir persönlich unterstellen, nur Chaos zu wollen, so wäre das vielleicht gar nicht gelogen. Auf der Insel reicht das den Wählern, gut so. Es ist der Moment, wo in mir ein plötzliches Gefühl der Solidarität mit dem Wähler in Britannien aufkommt, die so das Chaos umarmen zu scheinen wollen. Damit kommt die Erkenntnis, dass diese Haltung des Es-Nicht-Länger-Hinnehmens-Komme-Was-Wolle der meinen wesentlich näher ist als jede Fachpolitik in Ausschüssen und Parteigremien, wo es nur allzu oft um Geld, Einfluss und Posten geht. Dem Brexit-Wähler, den es in ähnlicher Form auch hierzulande gibt, reicht ein Schlussstrich. Grund genug für alle, die etwas zu verlieren haben, vor dem Chaos zu warnen. Wen auch immer das einschließen mag.

 

Eine Lautsprecherdurchsage reißt mich aus meinen Gedanken und erinnert mich an die baldige Ankunft an meinem Ziel. Schnell falte ich die Zeitung zusammen und packe sie in meinen Rucksack, in dem sich mit Ausnahme der Zeitung nur Dinge befinden, die ich für meinen Weg und Aufstieg benötige. Auf dem freien Platz neben mir liegt noch ein dickes Buch mit beigem Umschlag. Ich halte kurz inne und fliege über die gut vertrauten Buchstaben auf der Vorderseite. Es ist die Kurzgeschichtensammlung von Ernest Hemingway, die ich für die lange Fahrt eingepackt habe, um auf andere Gedanken zu kommen. Hemingway ist der Protagonisten des impliziten Schreibens, das so viel mehr andeutet, was unter oder besser hinter diesen Zeilen steht. Der in einer der Geschichten in diesem Buch von ihm beschriebene heilige, wolkenverhangene Berg Kilimanjaro funktioniert genauso wie ein Eisberg: Seine wahre Größe vermag niemand von außen zu erfassen. Das Herzland Europa liegt genauso von Wolken und Nebel verborgen und kein Instrument der Vergangenheit oder der Wirtschaftskraft kann seine Grenzen darstellen. Der Weg nach oben ist hart und einsam:

 

Kilimanjaro is a snow-covered mountain 19,710 feet high, and is said to be the highest mountain in Africa. Its western summit is called the Masai „Ngaje Ngai,“ the House of God. Close to the western summit there is the dried and frozen carcass of a leopard. No one has explained what the leopard was seeking at that altitude.

 

Das Bild Hemingways gefällt mir wie jedem passionierten Bergsteiger. Neben den zuvor genannten Dingen macht der Lebens-Abenteuer-Autor zum religiösen Erlebnis, zum Aufstieg in Sphären, die Worte nicht mehr beschreiben können. Mit jedem Schritt bergauf wächst auch der Steigende, ganz gleich, ob nun in der Metapher oder nicht.

 

Mit einem Ruck kommt der Zug zum Stehen. Schnell werfe ich den Rucksack über die Schulter und strebe dem Ausgang zu. Aus dem Waggon trete ich ins helle Licht, warme Luft umfängt mich. Ich hebe mein Gesicht und blicke die steilen Felswände hinauf, die das Städtchen zu drei Seiten umgeben. Genug gelesen und gedacht. Revolutionen am grünen Tisch zu planen ist sinnlos, diese Erkenntnis ist sicher keine neue. Der Reiz des neuen Blattes liegt darin, nicht zu wissen, nicht beeinflussen zu können, was man bekommt, wenn die Karten erst neu gemischt werden. In meinem Fall ist das nur die halbe Wahrheit: man kann sich wappnen, seine Ausrüstung packen. Nur sind das keine Fakten, Statistiken oder Abschlüsse, sondern müssen die Erfahrungen des tiefen Herzlandes sein. Den Blick weiter gen Gipfel atme ich ein. Ich kann die Asche schon riechen.

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